El Medano 2021
Endlich wieder Berge von Equipment am Check-In ablegen und kurze Zeit später Cabezo shredden.

El Médano 2021

Chris Hafer und Florian Söhnchen ließen auf Teneriffa die Gischtfetzen fliegen…

Endlich wieder einen Flug buchen. Endlich wieder überlegen, welches Material man vor Ort brauchen könnte, quasi wie immer ja wirklich nur das nötigste. Wie hunderte Male gemacht, mit der Deckenwaage in der Garage das Gewicht der Boardbags kontrollieren. Umpacken, aussortieren, bis es denn passt.

Und auch wenn es schwer vorstellbar ist, irgendwie hatten wir es vermisst, gefühlt einen gesamten Surfshop in unförmigen Boardbags unter den neugierigen Blicken der übrigen Fluggäste durch den Flughafen zu schleifen und einen Gepäckberg vor dem Check-In zu errichten. Fast schade, dass es keinerlei Diskussionen beim Einchecken gab… so rein aus Nostalgie-Gründen.

Markttag in Médano
Markttag in Médano. Auf den Kanaren wächst fast alles.

Auch das Bordpersonal hatten deutlich Spaß daran, endlich wieder Passagiere zu befördern. Ganz offensichtlich hatten sie während des fast fluglosen Lockdowns ihren Humor nicht verloren, wie etwa folgende - tatsächlich getätigten - Ansagen beim Sicherheitsbriefing zeigten: „Liebe Freunde der gepflegten Verkehrsfliegerei, bei Sauerstoffmangel fallen Masken vor Ihnen herunter. Bitte setzten sie diese zuerst selbst auf, und helfen sie dann ihrem Kind. Haben Sie mehrere Kinder, dann helfen Sie zuerst ihrem Lieblingskind.“

Auch auf die geänderten Bestimmungen der Maskenpflicht während des Fluges wurde in kompetenter und prägnanter Art und Weise eingegangen: „Bitte tragen Sie aufgrund der bestehenden Bestimmungen zu jedem Zeitpunkt des Fluges eine medizinische Maske. Zum Essen und Trinken können Sie diese selbstverständlich kurz absetzen. Aber die Betonung liegt auf kurz, also bitte nicht den gesamten Flug ohne Maske vor einer Gummibärchentüte sitzen. Da haben wir dann ganz andere Mittel….!“

Windsurfen auf Teneriffa
Die Windgötter waren gnädig. Teneriffa lieferte, mal wieder...

Mal abgesehen von der gerade genannten Maskenpflicht – auch das eingepfercht sein in den relativ engen Sitzen, der Landung entgegen zu fiebern… auch das hatten wir irgendwie vermisst. Unser letzter gemeinsamer Pre-Corona Surftrip nach Peru datierte auf Anno 2019. Chris war kurz vor dem Lockdown noch in der Karibik gewesen… Flo hatte es im Oktober 2020 noch einmal nach Sardinien geschafft… aber im Prinzip konnte man ja seit eineinhalb Jahren eher mit dem Finger auf der Landkarte kreiseln, als real verreisen.

Wir hatten mit dem Finger auf der Landkarte Teneriffa, genauer gesagt El Médano, ausgesucht. Um diese Jahreszeit herrscht dort eigentlich eher sehr viel Betrieb auf dem Wasser, auch aufgrund der im Sommer stattfindenden Kanaren-Worldcups. Da diese aber auch in 2021 aufgrund der allgemeinem Lage abgesagt werden mussten, waren wir sehr gespannt, was uns erwarten würde.

El Médano Luftbild
Der robuste Charme von El Médano kann Fans des windgetriebenen Wassersports nicht von den vielen Vorteilen der Urlaubsdestination ablenken.

Zunächst einmal der gewohnte Anblick, eine nicht gerade schöne Architektur, viel Sand und Steine. Aber auch Wind und Wellen am Spot El Cabezo. Bei nur 4-5 Stunden Flug und dem extrem kurzen Transfer vom Airport zum Appartement blieb noch genug Zeit, eine erste Session vor Sonnenuntergang einzuschieben…schon mal ein guter Start.

Entsprechend spät war es, bis wir im Supermarkt mal das Nötigste einkaufen konnten, aber die spanischen Öffnungszeiten halfen.

Windsurfing in El Medano
Normalerweise surft man in El Médano nicht alleine, es sei denn, Fußball fesselt fast alle an die Bildschirme...

Und ein gutes Frühstück am nächsten Morgen war zwingend nötig, da wir aufgrund der noch relativ schlechten Windvorhersage den Plan hatten, wenigstens einmal mit dem Rad den Teide zu erklimmen – eine für uns mittlerweile alte Tradition auf Teneriffa. Gute Räder kann man relativ günstig und unkompliziert im Ort bei Bikepoint El Médano mieten.

Und direkt ab Ortsausgang beginnt auch schon der „Spaß“, wenn man von Meereshöhe beginnend non stop bergauf radelt. Spätestens vor Villaflor, im steilsten Stück, stellten wir wieder fest, wie gut die menschliche Erinnerung darin ist, schlimme Erfahrungen zu verdrängen. Beispielsweise in glühender Hitze das Gefühl zu haben, das Rad würde auf dem Asphalt kleben, und es so langsam voran geht, dass einen die Fliegen überholen….

Mit dem Rad auf den Pico del Teide.
2700 Höhenmeter mit dem Rad und danach noch Windsurfen?

Wenn man so langsam am Ende seiner körperlichen Fähigkeiten angekommen ist, ist der einzig positive Gedanke, dass es irgendwann nach etwa 50km nur bergauf auch wieder runter gehen wird… und man dann seine Bremsfähigkeiten testen kann. Nach gut 100km und 2700 Höhenmetern waren wir wieder in El Médano.

Da Wind und Wellen auch da waren, blieb uns nichts anderes übrig, als noch mal aufs Wasser gehen…hat ja keiner behauptet, wir wären nur zum Spaß auf Teneriffa… Tatsächlich haben wir aber feststellen können, dass Rennradfahren und Windsurfen relativ komplementäre Sportarten sind und offensichtlich deutlich unterschiedliche Muskeln beanspruchen. Trotz der 5,5 Stunden im Sattel konnten wir abends noch mal gut 2 Stunden auf dem Wasser Gas geben. Ein perfekter Tag.

Florian Söhnchen in El Cabezo.
Florian Söhnchen lässt die Fetzen fliegen.

Der Windgott war uns wohl gesonnen, auch er hatte vermutlich ein Einsehen, nachdem im letzten Jahr kaum etwas möglich war. „Täglich grüßt das Murmeltier“ beschreibt am besten die nachfolgenden Tage: Aufstehen, beim Cafe auf der Terrasse schauen was Wind und Wellen machen, dann zwei Sessions auf dem Wasser, unterbrochen von einer wirklich notwendigen Siesta.

Auch wenn es nie richtig voll auf dem Riff war, zu den Zeiten als etwa Spanien oder Deutschland mit den bekannten unterschiedlichen Ergebnissen bei der EM spielten, hatten wir den Spot fast für uns alleine. Ein absoluter Traum, den man nur selten erlebt.

Chris Hafer windsurfing Tenerife
Chris Hafer vor Cabezo.

Also alles fast wie früher, auch wenn man noch beim Essengehen eher das Wochenende mied, wenn in den Restaurants fast alle Tische belegt waren. Irgendwie hat man sich schon daran gewöhnt, auf Abstände und frische Luft zu achten…

Auch beim Einchecken am Flughafen Teneriffa zeigten sich wieder die Folgen der Pandemie. Die nette Frau am Check-In fragte uns quasi, wie das denn jetzt mit den Labeln und dem Sperrgepäck funktioniert, sie würde nach langer Pause ja erst wieder seit 2 Tagen am Schalter arbeiten… Aber wir konnten ihr helfen, und so hieß es auch auf dem Rückweg wieder: „Liebe Freunde der gepflegten Verkehrsfliegerei,…“

Bleibt abschließend zu hoffen, dass die Flugbegleiter ihren Humor auch in absehbarer Zeit nicht verlieren und es wirklich ein Re-Start in ein halbwegs normales Leben gibt.

El Médano
Normalerweise steppt in El Médano der Bär. Corona sorgt auch hier für Sorgen.

Reiseinfos

Anreise:

Teneriffa ist, genau wie die anderen Kanaren-Inseln, aus Deutschland natürlich verhältnismäßig einfach erreichbar. Allerdings ist das Flugangebot momentan aufgrund der Auswirkungen der Corona-Krise massiv eingeschränkt. Flüge sind schon etwas Mangelware, man bekommt daher auch nicht mehr die Traumpreise wie vor einigen Jahren, aber für ca 400-500 € kann man im Normalfall ein Ticket bekommen (inkl. Gepäck). Die besten Verbindungen aus Norddeutschland nach Teneriffa Süd (TFS) haben wir mit Condor aus Hamburg und mit TuiFly aus Hannover gefunden. Unsere Wahl fiel auf Condor ab Hamburg, nicht zuletzt weil wir hier schon öfters sehr gute Erfahrungen beim Materialtransport gemacht haben.

Mietwagen:

Gibt es reichlich und relativ günstig (Cicar, Sixt, Europcar, Hertz, ...). Nur Autos mit Dachgepäckträger sind entweder teuer oder schwer zu bekommen.

Günstig, aber ohne Dachgepäckträger: www.pluscar-tenerife.com
Unser Favorit mit Dachgepäckträgern: autoreisen.es

Wer nur Windsurfen will und zur Passatzeit kommt, kann in El Médano problemlos komplett auf einen Mietwagen verzichten. Die meisten Vermieter bieten auch einen Transfer-Service vom und zum Airport an. Außerhalb der Passatzeit macht ein Mietwagen aber schon Sinn, um die Insel zu erkunden und alternative Spots erreichen zu können. Die Insel bietet viel zu entdecken, ist sehr abwechslungsreich, und die Regionen sind in allen vier Himmelsrichtungen sehr unterschiedlich. Und da El Médano definitiv kein traumhaft schönes Örtchen ist, empfiehlt es sich durchaus, auch die anderen Gegenden einmal anzuschauen. Für die windarme Nebensaison gibt es einige gute Wellenreit-Spots, die man aber auch am besten mit dem Mietwagen erreichen kann.

Florian Söhnchen im Luftraum über El Médano.
Florian Söhnchen im Luftraum über El Médano.

Unterkunft:

Per Google kann man schnell und einfach Unterkünfte in und um El Médano finden. Unsere Empfehlung ist aber wie schon in den letzten Jahren „Médano4you“ (www.medano4you.com). Der Windsurf-Local Jochen Stolz vermittelt viele Wohnungen in verschiedenen Preisklassen, oft mit geeigneter Lösung zur Material-Lagerung. Andernfalls gibt es auch Material-Lager in Spot-Nähe, die man über Jochen buchen kann.

Windsurfen:

In El Médano gibt es zwei Spots für NO-Passat – direkt im Ort findet man am in der südlichen Bucht eine Flachwasser-Piste, die zum Racen, Freestylen und Freeriden einlädt. Auch Anfänger-, Kite- und Wingfoil-Schulungen werden hier angeboten. Die Infrastruktur ist hervorragend, sowohl hinsichtlich der Surfstationen als auch bezüglich Bars, Cafés etc.

Eine Bucht weiter nördlich, in Cabezo, gibt es je nach Swellrichtung kleine bis amtliche Wellen. Je weiter man sich nördlich / in Luv aufhält, desto entspannter sind die Bedingungen. Am Riff, in der Nähe des Bunkers hingegen können die Bedingungen schon recht fordernd sein. Geknickte Masten und vom Riff beschädigte Boards und Finnen sieht man hier öfters. Dafür sind die Bedingungen zum Wellenabreiten wirklich gut und manchmal bei gutem Swell gibt es auch viele perfekte Backloop-Rampen. Wenn die Welle etwas größer wird, ist die Sandbank in der Mitte der Bucht ebenfalls sehr gut zum Springen geeignet, dabei aber deutlich fehlerverzeihender als der Main Break am Bunker.

Achtung: Am Hauptspot liegt mitten in der Einflugschneise dicht am Einstieg ein fetter Felsen im Wasser, den man liebevoll „Godzilla“ getauft hat. Bei Flut ist das Biest nicht zu sehen, bei Ebbe liegt der Brocken größtenteils trocken. Godzilla hat schon einige Finnen gekostet. Und wenn man nicht achtsam ist, kann man ihn sehr schnell aus der Nähe kennenlernen, was definitiv nicht empfehlenswert ist. Man sollte sich die Lage einmal bei Ebbe anschauen und gut einprägen.

Wenn der Passat die Arbeit einstellt und andere Windrichtungen vorherrschen (meist Westwind), funktioniert Cabezo nicht richtig. Die Médano-Bucht am Playa Chica kann an seltenen Südwest-Tagen allerdings manchmal kleine saubere Wellen mit Side/Offshore-Wind von rechts bieten.

Für Wave-Surfer empfiehlt sich als Westwind-Alternative vor allem der Spot „La Fitenia“, mitten in der Touristenmetropole Las Americas im Südosten der Insel. Hier kann man relativ häufig mit 4,5er Segeln große, kraftvolle Wellen mit Sideshore-Wind von rechts erleben, während in El Médano absolute Flaute herrscht. Ein- und Ausstieg sind nicht ganz einfach und nicht für Wellenanfänger geeignet – besonders weil in Lee bei Materialbruch eine große Mole wartet. Die Strömung kann einen hier gnadenlos auf die Mole spülen, was an großen Tagen wirklich riskant sein kann. Die Parkplatz-Situation ist eine Katastrophe – aber die Mühe lohnt sich!

Rund um die Insel finden sich weiter viele gute Surf- und Windsurf-Spots, die aber meist nur bei speziellen Bedingungen funktionieren und nur für sehr erfahrene Windsurfer geeignet sind. Für Touristen im Prinzip keine echte Option. Der Kite- and Windsurf Guide Europe bietet viele Infos zu den Spots der Insel. Außerdem gibt es eine gute Übersicht auf windsurfingtenerife.com.

Cabezo Windsurf Spot
Urlaubsfreuden. Fortgeschrittene Windsurfer sind in El Médano bestens aufgehoben.

Bars, Nightlife, etc…
El Médano ist zwar nach unserem Geschmack nicht besonders schön, aber der Ort bietet einfach alles, was man zum Leben braucht. Es gibt einige Surfshops mit Board- und Segelreparatur-Service, viele Bars und Restaurants mit fairen Preisen, Supermärkte, ...

Außerhalb von El Médano bietet Teneriffa mehr Abwechslung als die anderen Kanareninseln. Traumstrände im touristischen Süden, Schnee auf dem Teide und tropische Wälder im Norden der Insel. Man kann fantastisch Biken, aber auch mit dem Auto lassen sich tolle Ausflüge in verschiedene Klimazonen unternehmen.

Es gibt „Attraktionen“, wie den Siam-Park (Wasser-Erlebnispark) und den Loro Parque (ein wirklich beeindruckend angelegter Zoo und Tierpark). Besonders empfehlenswert sind, neben einem Besuch auf dem Teide, ein Trip in den rauhen Nordwesten (rund um die Punta del Hidalgo) und eine Erkundungstour entlang der Westküste mit dem Wellenreiter. Unser Tipp: Verlasst El Médano auch bei einer kurzen Reise zumindest einmal. Es lohnt sich.

Wer sportlich ambitioniert unterwegs ist, kann in El Médano einige anspruchsvolle Lauf-/ Trailrunning-Strecken finden, sowohl in Richtung Montaña Roja im Süden von Médano, als auch im Norden hinter der Cabezo Bucht. Außerdem gibt es einen sehr gut ausgestatteten Fahrradladen (bikepointtenerife.com/de), in dem man hochwertige Mountainbikes und Rennräder leihen kann (ab ca 25,- € pro Tag). Eine Tour auf den Teide beispielsweise hat gut 100km – je nach Strecke ca. 55km bergauf mit ca. 2.700 HM und etwa 108km insgesamt. Ein beeindruckendes und herausforderndes Erlebnis – sofern man einen guten Trainingszustand mitbringt.

14.07.2021 © DAILY DOSE  |  Text: Chris Hafer, Florian Söhnchen  |  Fotos/Grafiken: Chris Hafer, Florian Söhnchen

Windsurfen in El Médano
Festes Schuhwerk ist in El Médano auch beim Wassersport eine gute Idee.