Windsurfen in Marokko

Windsurfen in Marokko

Der Windsurftrainer Tom Brendt verbringt jedes Jahr Zeit in Marokko. Bei dieser Reise hat er besonders schöne Fotos mitgebracht.

April ist der Monat, in dem ich meine jährliche Reise nach Moulay Bouzerktoun in Marokko antrete. Der Ort liegt östlich von Marrakesch und nördlich von Essaouira. Dort erwarten mich zwei Wochen voller Action mit meinen Wave Specials: Windsurfen, Wellenreiten und Stand Up Paddeln.

In diesem Jahr ging es ohne Umwege direkt von Lanzarote nach Marrakesch. Genau fünfzig Minuten lagen zwischen Start und Landung. Der Flughafen Marrakeschs war ein wahres Erlebnis. Bin ich es doch von den meisten Flughäfen gewohnt, in langen Schlangen vor der Passkontrolle zu stehen und länger auf das Gepäck zu warten, so kam es hier doch völlig anders als erwartet.

Bei der Ankunft gegen Mitternacht war der Flughafen absolut voll. An jedem Gepäckband wurde Gepäck von zwei Maschinen abgefertigt und doch musste niemand auf sein Gepäck warten. Die Passkontrolle dauerte weniger als zwei Minuten und inklusive Geldwechseln und Besorgen einer lokalen SIM-Karte (für den Aufenthalt in Moulay empfehle ich die SIM vom Anbieter INWI) saß ich 30 Minuten nach meiner Ankunft bereits in meinem Transfer-Taxi.

Willkommen zurück in Marrakesch, es hat sich, mal wieder, einiges getan. Es wird gebaut und modernisiert, was das Zeug hält. Lichtreflektoren entlang der Bordsteinkanten werfen nicht wirklich rhythmisch das grelle Licht der unzähligen Scheinwerfer, Straßenlaternen und Leuchtreklamen in meine Augen und werden von dort als wahrscheinlich wildes Wirrwarr ans Hirn geleitet.

Windsurfen in Marokko

Verlangt der Straßenverkehr in Marrakesch schon bei Tageslicht äußerste Konzentration, ist es bei Nacht scheinbar ein reines Glücksspiel. Aus den Gassen fahren in dunkle Tücher gehüllte Radfahrer ohne Licht mitten auf Kreuzungen, wechseln die Fahrspuren, als befänden sie sich in einem Videospiel.

Mein Fahrer, ein junger, gepflegter Marokkaner, schien von all dem völlig unbeeindruckt. Mit Leichtigkeit steuerte er sein Großraumtaxi durch die Stadt, während seine rechte Hand konstant Druck auf die Hupe ausübte und sein linker Finger die Lichthupe bediente.

Es ist bereits weit nach Mitternacht, als wir die Außenbezirke von Marrakesch hinter uns lassen. Soll ich meinem Fahrer blindes Vertrauen schenken, meine Augen schließen und etwas schlafen? Nach den ersten zehn Kilometern Landstraße ist klar: Nein.

Vier Augen sind vielleicht doch besser als zwei. Kurzer smalltalk mit dem Fahrer im fünfzehn Minuten Takt inklusive. Dazwischen hielt das Smartphone den Fahrer zwar nicht unbedingt immer auf Kurs aber zumindest vom Sekundenschlaf ab.

Dank der nächtlichen Stunde gab es kaum Verkehr auf der Strecke bis Moulay. So sparten wir gute fünfundvierzig Minuten zur normalen Fahrtzeit und erreichten meine Unterkunft am Magic Fun Windsurfcenter in zwei Stunden.

Mouay

Einmal angekommen fiel ich recht schnell in einen fast komatösen Schlaf. Mein normaler Schlafrhythmus ließ mich allerdings bereits bei Sonnenaufgang erwachen. Die Hähne, Hühner, Esel und Hunde der Umgebung schienen über die ersten Sonnenstrahlen sehr erfreut.

Marokkanische Hähne scheinen ohnehin einen etwas anderen Zeitplan als ihre Kollegen aus nördlicheren Gebieten zu verfolgen. Bereits kurz nach eins in der Nacht beginnt das wilde Krähen. Davon konnte ich mich in den nächsten Wochen ausreichend überzeugen, ohne dass es mich wirklich gestört hätte.

Ein angekündigter Fluglotsenstreik in Spanien hatte mich dazu bewegt, einige Tage früher anzureisen. Somit hatte ich das Magic Fun Reich einige Zeit ausschließlich für mich und hoffte auf ein paar ordentliche Wind- und Wellentage.

Wellen gab es tatsächlich ausreichend. In Moulay rollten die typischen, ewig langen, zwei bis zweieinhalb Meter Wellen über das Riff. Nur Wind war nicht in Sicht. Die ideale Swell-Richtung für Moulay ist Nord/Nordwest. Gepaart mit einer Wellenperiode von elf, zwölf Sekunden oder mehr, rollen die Wellen wie an der Schnur gezogen.

Windsurfen in Marokko

Glücklicherweise hatte ich mein SUP dabei und konnte einige fantastische Sessions vor der malerischen Kulisse des kleinen Fischerdörfchens genießen. Gelegentlich gesellten sich ein paar Fischer zu mir, die auf aus halbierten Windsurfboards und darauf geschnallten, prall mit Luft gefüllten Schläuchen, ausgedienter Autobereifung für ihre Arbeit ins Line-up wagten.

Da mein Bedürfnis nach Waschgängen über das Riff und dem ebenfalls mit der Ebbe verbundenen steinigen Einstieg gering war, verbrachte ich auch Zeit in Essaouira. Dort konnte ich das etwas andere Ambiente des ewigen langen Stadtstrandes, der zahlreichen Cafés und Restaurants und der Silhouette der Medina auf mich wirken lassen.

Mit jedem weiteren Tag kamen nach und nach die Gäste meiner Clinics an und es wurde etwas geselliger. Und auch eine erste Eingewöhnungssession mit Windsurfmaterial sollten wir noch vor Beginn des offiziellen Coaching bekommen. Den meisten kam das sehr gelegen, waren die meisten doch über den Winter nicht auf dem Wasser gewesen.

Wenn ich während meiner Windsurf Clinics ein paar Tage ohne Wind auskommen muss, dann am liebsten genau so, wie es uns in diesen beiden Wochen passierte. Woche zwei wurde eine Kopie der Ersten.

Windsurfen in Marokko

Kleine Wellen und Flaute gaben uns jeweils die Gelegenheit, per Wellenreiter und SUP den Spot, die Wellen und deren Sektionen kennen zu lernen. Der Ein- und Ausstieg variiert recht stark, abhängig von den Gezeiten. Während es bei mittlerem Hoch- bzw. Niedrigwasser Fußsohlen schonend auf Sand losgeht, gilt es bei Ebbe vorsichtig weiter ins Wasser zu laufen, sich dann einige Meter in Wasserstartposition noch weiter rausziehen zu lassen und erst dann loszulegen. Ansonsten warten die zahlreichen Steine darauf, gekonnt die Epidermis zu penetrieren.

Unseren wöchentlichen Ausflug nach Essaouira mit Besuch der Medina und einem Abendessen in der Stadt, legten wir selbstverständlich ebenfalls auf einen der ersten windstilleren Tage, um im zweiten Wochenteil den Wind und die Wellen bis zum Maximum auskosten zu können.

Tag um Tag nahmen dann sowohl Wellen als auch Wind zu und an Tag drei kam der Wind etwas auflandig aus nordwestlicher Richtung und wir konnten die Segel auf die SUPs montieren um bei geringer Geschwindigkeit ein Gefühl für das Timing und Anfahren der Wellen zu bekommen.

Langsam schwang der Wind weiter auf die ideale nördliche Richtung und ab dann kamen die Windsurfboards zum Einsatz und ich muss sagen, dass ich tatsächlich etwas erstaunt war, wie schnell das bisher Erlernte von den Schülern umgesetzt wurde.

Die letzten beiden Tage jeder Woche sorgten dann aber doch bei dem ein oder anderen für etwas weiche Knie. Die Wellen nahmen immer weiter an Höhe und auch Kraft zu, liefen dabei aber auch immer sauberer von der Klippe vor Moulay bis übers Riff schier endlos lang.

SUP und Wellenreiten in Moulay

Somit war dann auch ausreichend Platz sowohl für unsere Gruppe zum Üben als auch für die Teilnehmer des Moulay Wave Classic, einem 3-Sterne-World-Tour-Event, welches zeitgleich stattfand. Das Event war im Vergleich zu den Vorjahren deutlich kleiner. Nicht allzu viele Teilnehmer und meist lokale Wellenmatadore stürzten sich auf der Jagd nach Punkten in die Fluten.

Als Gewinner ging bei den Pro-Herren der in Jericoacoara lebende Jahdan Tyger, mit französisch-brasilianischen Wurzeln. Bei den Damen siegte die von Rügen stammende Frida Miron vor ihrer Schwester Emma. Auch die Gobisch-Familie war erfolgreich vor der steinigen Kulisse Moulays unterwegs: Peter Gobisch belegte sowohl bei den U21- wie auch den U18-Junioren jeweils den dritten Rang. Bei den U18-Junioren folgte ihm Bruder Anton auf Platz vier.

Trine Gobisch belegte bei den U21-Junioren der weiblichen Konkurrenz Platz vier und in der Kategorie U18 Platz drei.

Moulay

Egal ob Wettkämpfer oder Windsurf- und Wellenenthusiasten, alle kamen in diesen Tagen mehr als auf ihre Kosten. Die Einsteiger hinterließen mit mehreren Turns ihre Spuren auf den Wellenbergen, während die Erfahrenen an Präzision und Geschwindigkeit arbeiteten, um eventuell in ihre ersten Aerials katapultiert zu werden.

Für alle gab es viel zu erzählen, allabendlich auf der Terrasse des Magic Fun, während wir auf unser Abendessen im hauseigenen Restaurant warteten. Alleine der Ausblick von jener Terrasse und auch aus dem Restaurant ist schon fast die Reise wert.

Wenn die Gischt der immer weiter aufs Riff donnernden Wellen vom warmen Licht des Sonnenuntergangs angestrahlt wird, zückt jeder selbst am zehnten, elften und auch zwölften Tag immer wieder aufs Neue die Kamera oder Smartphone. Auch die Tatsache, dass sich hier und zu den Clinics immer Gleichgesinnte treffen, deren Passion das Windsurfen ist, sorgt für eine extrem gute und angenehme Stimmung. Das Magic Fun hat schon einen ziemlich idealen Namen.

Essaouira

Der Ort Moulay Bouzerktoun hat sich äußerlich zu den Vorjahren kaum verändert. Was aber auffällt, ist, dass immer mehr Unterkünfte angeboten werden. Das wurde zumindest an den Windtagen recht schnell deutlich, als sich aus fast allen Häusern mit Windsurfmaterial ausgestattete nicht Marokkaner zur kleinen Rampe, welche zum Strand und Spot führt, aufmachten. Die meisten Unterkünfte sind sehr einfach gehalten, bieten aber alles, was man für einen Aufenthalt braucht, gelegentliche Wasserknappheit inklusive. Die nächsten Hotels findet man erst im gut dreissig Minuten entfernten Essaouira.

Für die tägliche Verpflegung gibt es das Café Resto des Magic Fun, das Lawarma direkt oberhalb der Klippe und ebenfalls mit einem tollen Ausblick und ganz neu jetzt auch das Ocean House unmittelbar neben dem Magic Fun.

Windsurfverleih gibt es fast ausschließlich am Magic Fun Center.

Das Material am Magic Fun Center ist bereits etwas in die Tage gekommen, aber Stationsbesitzer Bruno sorgt dafür, dass alles immer ideal funktioniert und man kaum das Gefühl bekommt, auf älteren Modellen unterwegs zu sein.

Windsurfen in Marokko

Wer eine Unterkunft beim ehemaligen Worldcup-Profi Boujmaa Guilloul angemietet hat, dem liefert Boujmaa auch gerne Leihmaterial aus seiner Station im weiter südlich gelegenen Sidi Kaouki in die Garage der Unterkunft.

Wer entspannen möchte, dem Alltag komplett entfliehen möchte und dabei nicht so viel Wert auf absoluten Komfort legt, dabei endlose Wellen abreiten, tolle Sonnenuntergänge genießen und einen Sternenhimmel erleben, wie es sonst wenigen anderen Orten der Erde möglich sein dürfte, der sollte definitiv diesem Ort zwischen Essaouira und Safi einen Besuch abstatten.

Auf ein neues in 2027!

22.05.2026 © DAILY DOSE  |  Text: Tom Brendt  |  Fotos/Grafiken: Tom Brendt  |  Translation: EN

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