Chile im November 2018

Chile im November 2018

Eine Reise von Chris Hafer, Flo Söhnchen und Dennis Müller an die Pazifikküste Südamerikas

Ein Land, das 4.200km lang und maximal 200km breit ist... das ergibt eine ziemlich lange Küste. Wenn das Land dazu noch nahe am südlichen Pazifik liegt, mit seinen ständigen Stürmen als Wellen- und Windproduzent, mit einsamen Stränden und fast unberührter Natur, ein Land, das noch nicht zum Standardreiseziel für den Massentourismus geworden ist, dann klingt das - zumindest nach unseren Maßstäben - nach einem ziemlichen Traumziel für reiselustige Windsurfer, die leere Wellen und Strände suchen.

Chile stand deshalb schon lange auf unserer Liste der Orte, die man als Windsurfer zumindest einmal gesehen haben sollte. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass man seine Liste besser früher als später abarbeitet. Denn auch die abgelegensten Orte verändern sich unaufhaltsam und wer weiß, wie lange sie noch so sein werden, wie man sie sich vorstellt.

Chile im November 2018

Die ersten Europäer, die sich nach Chile aufmachten, taten dies aus einer ganz anderen Motivation heraus als wir - die Konquistadores waren schlicht und ergreifend auf Ausbeutung und auf Gold aus. Daran hat sich im Laufe der Jahrzehnte nicht viel geändert. Chile ist unglaublich reich an Bodenschätzen, und diese sind auch heute noch einer der Gründe für das Interesse der Industrienationen an dem Land.

Ein ganz anderer Schatz Chiles ist allerdings die Vielfalt der Natur, die trotz aller Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in dem Land, das isoliert durch die Anden schon immer etwas abgelegener war, nach wie vor vorhanden ist.

So finden wir uns nach 16 Stunden Flug am Flughafen von Santiago de Chile wieder, inmitten von mit Rucksäcken bepackter und scheinbar einem Outdoor-Katalog entsprungener Wanderer, die sich vermutlich angesichts unserer Berge an Windsurfbags fragen, auf was für eine Expedition wir uns wohl begeben wollen.

Chile im November 2018

Unser Mietwagen erfüllt jedenfalls schon einmal die Vorgaben an ein anständiges Expeditionsfahrzeug. Ein Pickup Truck, der hier jeden Feinstaubgegner in Schnappatmung versetzen würde, aber leicht genügend Platz für unser Surfmaterial bietet und zudem mit einem kräftigen Allradantrieb ausgestattet ist, der in Chile auch wirklich notwendig ist, um einige der Surfspots überhaupt erreichen zu können. Denn diese liegen zumindest teilweise an einsamen Stränden - zumindest noch.

Der Ort Matanzas de Navidad, in dem wir unser Basecamp aufschlagen, war noch vor 10 Jahren ein kleines Fischerdorf. Jetzt explodieren die Preise und während der Wochenenden fallen die Schönen und Reichen aus dem 2,5 Stunden entfernten Santiago ein.

Einige bekannte Stars der Windsurfszene besitzen hier schon seit Jahren Grundstücke und Häuser, unter ihnen Größen wie Victor Fernandez, Klaas Voget und Robby Swift. Diese waren mit die ersten, die das Potential der Spots erkannten und sich hier zumindest in Teilzeit niederließen. Und das zurecht, denn die Gegend um Matanzas bietet in der Tat jede Menge Profi-Trainingsspots allererster Güte und mit unterschiedlichsten Bedingungen.

Da stört auch das wirklich kalte Wasser wenig, aber auch an Land kann es im Wind recht frisch werden, selbst wenn die Sonne vom wolkenlosen Himmel strahlt. Gänsehaut und Sonnenbrand kann es hier durchaus zeitgleich geben.

Chile im November 2018

Die Sonne strahlt auch direkt an unserem ersten Tag, als wir nach kurzer Einweisung à la „Rally Paris Dakar“ mit unserem 4x4 den Profis am Strand entlang folgen, zum Spot in Lee von Matanzas mit dem klangvollen Namen Roca Cuadrada.

Dort kommen amtliche Wellen angerollt, die zusammen mit einem steinigen und bögen Einstieg und einem Riff in Lee fast optimale Bedingungen für den ersten Tag liefern. Diesen übersteht das Material zumindest noch unbeschadet, und das obwohl Flo komplett orientierungslos mal direkt den Ausstieg über die Felsen wählt, anstatt den normalen, sandigen und harmlosen Ein- und Ausstieg zu nutzen. No pain - no gain.

Aber es geht alles gut, und entsprechend gut schmeckt auch das erste Sundowner-Bier am Abend auf unserer Terrasse mit direktem Blick auf die Wellen von Matanzas.

Chile im November 2018

Am nächsten Tag machen wir in Topocalma die Erfahrung, dass die Wellengröße und vor allem die Kraft der Wellen noch deutlich steigerungsfähig sind. Nach ca. 45-minütiger Autofahrt über sehr sehr staubige Pisten und zum Schluss über Sanddünen präsentiert sich der Spot als echte Bewährungsprobe.

Zunächst muss man beweisen, wieviel Sandstrahlgebläse man ertragen kann. In Topocalma parkt man direkt am Strand, es gibt keinen Windschutz und keinen Schatten und man muss gut aufpassen, dass der Wind nicht das unkontrollierte Abladen des Windsurfmaterials übernimmt.

Interessanterweise ist es auf dem Wasser gar nicht mehr so windig. Speziell in der Take-off Zone, also dort wo man in die Wellen einsteigt, schwächelt der Wind ganz massiv durch die Abdeckung der beiden großen Felsen in Luv.

So wird die Wellenwahl eine echte Herausforderung und man fühlt sich schnell wie ein Anfänger, vor allem wenn man sieht, wie scheinbar mühelos Marc Pare, Victor Fernandez, Robby Swift & Co sich die Wellen schnappen und immer wieder in Sektionen reinhalten, vor denen man selbst nur noch auf Tauchstation geht - mit anschließendem Vollwaschgang.

Chile im November 2018

Jeder von uns sammelt gut Schwimmzeit und auch die ersten Materialopfer bleiben nicht aus. Die Wellen fordern ihren Tribut, aber zumindest reduziert sich so die Gepäckmenge für den Rückflug schon mal erheblich. Man muss eben immer das Positive sehen.

Übrigens fährt man an den Spots rund um Matanzas fast immer dieselbe Segelgröße. 4.6 für Leichtgewichte, 5.0 bis 5.3 für die etwas schwereren Brocken - damit kann man fast jeden Windsurftag bestreiten.

Um so ärgerlicher ist es natürlich, wenn man frühzeitig sein Hauptsegel in die ewigen Jagdgründe schickt - aber davon sind zumindest wir glücklicherweise verschont geblieben.

Chile im November 2018

Die nächsten Tage sind windtechnisch etwas durchwachsen. Auch in Chile gibt es mal ein paar Tage Flaute, nämlich wenn, wie während unserer ersten Reisewoche, ein untypischer Tiefdruckwirbel südlich von Chile das gesamte Windsystem durcheinanderbringt.

Glücklicherweise bietet Chile auch an solchen Tagen einiges - vor allem Wellen. Für jede Könnensstufe gibt es an den Stränden rund um Matanzas eine geeignete Welle zum Surfen. Anfänger, Fortgeschrittene und Pros finden traumhafte Bedingungen, die schon mal über ein paar Tage Flaute hinweghelfen.

Besonders an einem Spot in der Nähe von Topocalma erlebten wir das Beste, was wir bisher auf der ganzen Welt für unser Surf-Niveau gefunden haben. Die perfekte Welle - der absolute Wahnsinn...

Chile im November 2018

Nach der Rückkehr von einem unserer Surfausflüge werden wir etwas hektisch von unserem Vermieter empfangen, der aufgeregt fragt, ob wir das Erdbeben mitbekommen hätten. Haben wir nicht - wir waren gerade auf einer Schotter-Waschbrettpiste unterwegs, so dass wir es vermutlich nicht einmal mitbekommen hätten, wenn uns der Himmel auf den Kopf gefallen wäre.

Aber tatsächlich sind Erdbeben in Chile keine Seltenheit. Tzunami-Warnschilder und Hinweise für Evakuierungsrouten sind allgegenwärtig. Das wirkt auf uns zwar etwas surreal, das letzte große Erdbeben ereignete sich in der Region um Matanzas aber erst vor weniger als 10 Jahren und letztendlich ist es eine Frage der statistischen Wahrscheinlichkeit, wann das nächste große Beben zu erwarten sein wird. Die Einheimischen nehmen dies aber recht gelassen - es gehört einfach mit dazu in dieser Region der Welt.

Chile im November 2018

Nach vielen richtig guten Surf-Sessions kommt auch der Wind zurück und beschert und eine extrem gute Windausbeute, besonders in den letzten Tagen unserer Reise.

So kommen wir auch noch einmal in den Genuss einer amtlichen Session in Pichilemu. Der Ort ist das Wellenreit-Mekka der Gegend, nicht zuletzt aufgrund eines der bekannten Big Wave Spots Südamerikas, der Punta de Lobos.

Das Besondere ist, dass die Welle hier als Pointbreak vergleichsweise dicht an der Küste bricht, so dass man vom Kliff aus einen fantastischen Blick auf den Spot hat. Für uns zählte allerdings vielmehr, dass mitten in Pichilemu auch eine richtig gute Windsurf-Welle läuft, vielleicht die beste der Region.

So erleben wir einen Nachmittag in unglaublichen Wobble & Ride Bedingungen, die einem das Leuchten in die Augen zaubern, zumindest bis zu dem Moment, bei dem man zurück an den Strand wobbeln muss.

Das wird hier zu einem echten Kunststück, da der Strand in Luv und mitten in einer durch den Ort produzierten Windabdeckung liegt, wodurch wir einen großen Teil des Rückweges schwimmend zurücklegen müssen. Aber diese Session war jede Mühe wert und wir können es gar nicht erwarten, diese Perle von einem Windsurfspot noch einmal wieder erleben zu dürfen.

Chile im November 2018

Gegen Ende unseres Trips hat sich das Windsystem wieder richtig eingespielt. Unzählige Wellen nach unserer Ankunft haben wir uns ziemlich gut an die Bedingungen gewöhnt und geben in Topocalma, Pupuya und Matanzas noch einmal alles, bis wir zum letzten Mal mit dem 4x4 über den Sand rollen, um uns auf den Weg zurück zu machen, in Richtung Winter in Deutschland.

Was bleibt, ist große Dankbarkeit, dass wir solche Reisen erleben dürfen. Die Chile-Tour kam für uns dicht an einen perfekten Trip heran, und die Erlebnisse bestärken uns darin, mit dem Abarbeiten der nächsten Ziele auf unserer noch sehr langen Liste nicht mehr allzu lange zu warten...

Einen ausführlichen Spotguide zur Region um Matanzas findet ihr hier.

13.06.2019 © DAILY DOSE  |  Text: Chris Hafer, Florian Söhnchen  |  Fotos/Grafiken: Chris Hafer

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