Mehr Volumen - mehr Fun?

Mehr Volumen - mehr Fun?

Wave-Shapes mit einem Plus an Volumen

Serien-Waveboards mit viel Volumen sind oft mit einer Freestyle-Wave-Charakteristik konzipiert. Chris Hafer hat sich ein kompromissloses Waveboard mit einem Plus an Volumen bauen lassen.

Schlechte Boards gibt es eigentlich nicht mehr. Das ist seit langem die Aussage eines jeden Surftests, egal von welchem Magazin. Aber wann ist ein Board gut? Wenn es perfekt zu einem passt, zu dem Revier wo man fährt, seinem Fahrkönnen, seinem Gewicht, seinem Niveau.

Also im Besten Fall wie ein Maßanzug, den man trägt ohne das er einen behindert, einengt, zwickt, in dem man sich wohl fühlt.

Bei unserem letzten Trip im Dezember nach Chile, eigentlich bekannt als Starkwindspot mit sehr schnellen und kraftvollen Wellen, trafen wir einige der top Worldcup-Fahrer, die dort im Winter in der Welle trainieren. Und bei einem Blick auf deren Boards war ich erst mal erstaunt, weil das Volumen deutlich über dem jeweiligen Fahrergewicht lag. An mangelndem Fahrkönnen konnte das bei Leuten wie Viktor Fernandez und Marc Pare nicht liegen.
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Das Board wird im CAD Programm gestaltet und dann CNC gefräst
Aber auch die chilenische Spots wie Matanzas und Topocalma zeigten, warum größere Boards mit mehr Volumen bei druckvollen Wellen rund um den Globus Sinn machen.

Speziell in der Take off Zone, also da wo man auf eine Welle zum Abreiten wartet, war der Wind sehr böig bis teilweise gar nicht vorhanden, und so stand ich mit meinem Gewicht von 92 kg oft bis zu den Knien im Wasser während die Profis eine Welle nach der anderen erwischten.

Ich bin eine lange Zeit Boards einer großen Marke gefahren, in deren Programm Boards im Volumen zwischen 100 und 115 Liter aber nur Freestyle-Waveboards waren, also eben nicht nur für die Welle gebaut.

Oft sind gerade die größeren Boards auf frühes Abgleiten und Geschwindigkeit optimiert, was zu entsprechenden Abstrichen beim Wellenabreiten führt. Erst in letzter Zeit haben einige Brettmarken auch reine Waveboards um 115 Liter Volumen ins Programm genommen.

Dabei ist Volumen nur einer der Parameter, die entscheiden, wie ein Board fährt.
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Der Herstellungsprozesss moderner Custom Mades ist komplex
Noch aus Chile kontaktierte ich Lutz Graichen von Windflüchter Boards in Rostock, denn auch einige der Profis waren auf von ihm gebauten Prototypen unterwegs und waren voll des Lobes über seine Fähigkeiten mit Schaum, Matte und Harz.

Immerhin konnte ich Lutz ziemlich spezifisch sagen was ich im Sinn hatte: zwei Boards, 105 und 115 Litern Volumen. Das erste als Allroundboard konzipiert, mit relativ schnellem Rocker. Das große Board sollte speziell für Tage mit wenig Wind und schönen Wellen sein. Also für Tage wie man sie oft etwa in der Bretagne oder Cornwall findet. Trotz der Größe optimiert fürs Wellenreiten, leicht gebaut da bei diesen Bedingungen weniger Springen als Abreiten im Fokus war. Wie Lutz das umsetzte war mir relativ egal, denn schon bei den ersten netten Telefonaten merkte ich, dass ich da jemand am Telefon hatte, der sich wirklich Gedanken macht. Deswegen überlasse ich es auch ihm, das Konzept des 115 Liter Boards zu erläutern.
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Edle Carbon-Faser wird aufgelegt
Lutz: Nachdem ich für Chris bereits Anfang des Jahres eine Variante meines Allroundwaveboards T-Wave mit 105 Liter gebaut hatte, sollte sein zweites Board mit 115 Liter nochmal deutlich größer und damit auch spürbar breiter werden. Gleichzeitig sollte der Fokus  bei diesem Brett aber vor allem auf einfachem Umkanten und engen Turns beim Abreiten größerer Wellen mit wenig Wind liegen.

Gesucht war also ein Brett, welches sich stabil beim rausdümpeln, gleichzeitig aber kompakt und agil auf der Welle anfühlt. Zusätzlich soll es mit dem ersten Wellenschub sofort und spritzig beschleunigen, in Bottomturns eng und variabel drehen und in Topturns mit viel Kantengriff durch Cutbacks führen. 

Ich entschied mich daher auf ein neues Konzept zurück zu greifen. Ich war seit einiger Zeit dabei, ein ganz neues Modell zu entwickeln, von dem ich bereits erste Prototypen gebaut und getestet hatte. Da diese auch bereits vom gesamten Team um Steffi Wahl, Friedel Blaasch und Dominik Röckl auf Sardinien getestet wurden, entschied ich mich für Chris eine 115 Liter Variante unseres neuen Wave-Fish Models zu bauen.
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Das Board überzeugte bei den ersten Einsätzen
Die erforderlichen Änderungen, die sich bereits ergeben hatten konnte ich in dieses Design bereits mit einfließen lassen:

  • Eine schnelle Rockerlinie kombiniert mit einer kompakten Outline mit breitem Heck um Wellenschub schnell und effektiv in Geschwindigkeit umzusetzen
  • Ein durchgängiges V im Unterwasserschiff mit leichten Doppelkonkaven für leichtes Rail to Rail Verhalten. Zusätzlich verhindern V-Böden dass sich Boards aufgrund ihrer Breite am Wasser "festsaugen", was bei sehr breiten Boards mit konkaven Böden schon mal passieren kann.
  • Ein ausgeprägter Tailkick im Rocker sowie ein öffnendes V im Tail sorgen für hohe Drehfreudigkeit und eine freie Gleitlage
  • durchgängig dünne Rails für Halt und Führung in engen Turns


Aufgrund der Brettdicke und der damit verbundenen Steifigkeit sowie dem geplanten Haupteinsatz "Lightwindwaveriding" konnte ich auf eine sehr leichte Bauweise mit einer dünnen Sandwichplatte im Boden setzten und dadurch ein sehr gutes Größen-Gewichts-Verhältnis erreichen. 
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Das Plus an Volumen funktioniert in Kombination mit einem Wave-Shape gut
Chris: Was nach den ersten Zeichnungen und 3D Modellen bei mir in der Mailbox landete, war mehr als interessant, konnte ich doch mitverfolgen wie aus einem Styroporblock Schritt für Schritt mein Wunschboard Gestalt annahm. Zumindest immer dann, wenn an der Ostsee kein Wind war, denn Lutz verbringt ziemlich jede freie Minute selbst auf dem Wasser um auszuprobieren, ob das, was er baut auch funktioniert.

Abgesehen vom ersten Fräsen des Schaums steckt extrem viel Handarbeit in einem Custom Board. Jede einzelne Lage Glas-/Kohlefaserlaminat wird genau dahin gelegt wo sie hin soll. Es wird immer wieder nachgearbeitet. Das Ergebnis ist ein, gemessen am Volumen, sehr leichtes und belastbares Board.

Nach den ersten Einsätzen in Korsika und Peru steht fest: Das Board macht genau was es soll. Es fährt sich wie ein reines Waveboard, hat aber genug Volumen, um in grenzwertigen Bedingungen jede Welle zu erwischen. Soviel Spaß bei wenig Wind hatte ich noch nie. Das Board war definitiv eine sehr gute Wahl! Mehr Volumen bedeutet mehr Spaß in der Welle!

Und dann gibt es ja noch fünf Finnenboxen, und damit jede Menge Optionen. Aber das ist ein anderes Kapitel...