Spots selber entdecken

Spots selber entdecken

Das Paradies liegt abseits des Mainstreams

Wer Spots selber entdecken will, darf den Trends in (Sozialen) Medien nicht nachfahren. Ein Rückblick in die frühen 90er hilft, die Gegenwart zu verstehen.

Influencer? Nie gehört. Klingt nach Grippe. Facebook? Youtube? "Ham' wer nicht - kenn' wer nicht."

Willkommen in den frühen 90ern. Als T2 und T3 VWs noch keine Oldtimer waren und mit der stoischen 'Gemütlichkeit' von Brauereipferden durch Europa tuckerten, war die Welt nicht nur einfach langsamer. Sie war anders.

Smartphones gab es nicht. Immerhin waren die Telefonzellen (meist) intelligent genug, den Wert eines Geldstückes zu erkennen und dann in Anrufzeit umzurechnen. Fernkommunikation lief nur dann ab, wenn man sie brauchte. Vielleicht eine Postkarte, ansonsten war man einfach weg.

Die Möglichkeit sich vorab zu informieren, war ebenso reduziert. Es gab die grobe Straßenkarte, einen Reiseführer, das direkten Befragen von Bekannten und Freunden und hin und wieder die Lektüre eines Spot-Guides in einem Magazin. Wer wirklich wissen wollte wie etwas aussah, musste hinfahren und nachsehen.

Dann ist heute doch alles viel besser? Nicht unbedingt.

Die Reise fand im Moment statt, denn man musste den eigenen Augen vertrauen, mit den Locals sprechen und dann die Entscheidung fällen, wohin es als nächstes geht. Erwartungen konnten nur anhand einiger Eckdaten aufgestellt werden. Und um die Daten einzuschätzen, musste nachgedacht werden. Da Menschen Rohinformationen wie ein Klimadiagramm und Karten durchaus individuell interpretieren, führt das Ergebnis dazu, dass nicht alle an einem Ort gelandet sind.

Eine Reise ins Unbekannte birgt das Risiko Zeit zu verlieren. Die Hafenstadt kann runtergekommen sein, die Spots passen nicht zur Windrichtung. - Oder es kommt ganz anders: Der leere Fleck auf der ADAC Straßenkarte entpuppt sich als echtes Juwel. Ein einsamer Standplatz direkt am Meer. Weißer Sandstrand. Türkisfarbenes Wasser. Und sonst ist niemand da.

Es ist das Unverhoffte solcher Entdeckungen, die noch Jahrzehnte später nachwirken. Individuelle Entdeckungen werden vollkommen anders wahrgenommen, als wenn den Entdeckungen anderer mit entsprechenden Erwartungen nachgefahren wird.

Wer sich heute bei der Reiseplanung zu stark auf Informationen im Stil von "10 Dinge, die Du am Ort xyz gesehen haben musst" verlässt, entscheidet sich dazu, nur das zu sehen, was andere schon gesehen und öffentlich gemacht haben.

Dazu ein Beispiel aus 2019: Soziale und herkömmliche Medien waren voll von fantastischen Bildern der norwegischen Inselgruppe Lofoten. Ein Bericht jagt den nächsten und auf den meisten Bildern scheint die Sonne. Die Landschaft ist von einer unwirklichen Schönheit. Da muss man hin! Das, was sonst die Verkäufer von Reisen machen, findet in den (Sozialen) Medien auch statt. Der Himmel ist blauer als blau und das Meer schimmert unfassbar türkis. Der Reiseveranstalter will Kunden. Auf Insta & Co geht es um die meisten Likes.

Mit solchen Eindrücken vorab geimpft, ist die Erwartungshaltung oft so hoch wie der Mount Everest. Direkt vor Ort kann dann die Ernüchterung kommen. Denn sogar der mit drei riesigen Wohnmobilen angereiste deutsche Kegelclub hat den Hype um die Lofoten mitbekommen. Eine Karawane von Wohnmobilen fährt im kontinuiertlich strömenden Regen den hippen Bildern nach, quetscht sich über die schmalen Straßen der Lofoten. Genervte Behörden und Einwohner stellen "Camping verboten" Schilder auf. Und das in Skandinavien.

Blog-Einträge wie "Wir zeigen Dir wie Du Deine Reise auf die Lofoten optimal gestaltest", hatten dann wohl doch mehr als zehn Menschen gelesen. Kaum jemanden interessiert, dass die Inseln nebenan ähnlich schön sind. Die Alternativen scheinen gar nicht zu existieren. Und wenn alle das Eine propagieren, wie kann es dann das Andere geben?

Man kann seine eigene Realität als Abbild von Insta & Co. gestalten. Muss man aber nicht.

War früher also alles besser? Natürlich nicht. Es hat uns aber (zwangsweise) beigebracht, selbst zu entdecken und den Moment zu leben. Entdecker brauchen aber den Mut auch mal eine Tour sprichwörtlich in den Sand zu setzen. Wer den hat und von der Hauptstraße der Hypes abbiegt, kann "sein" Paradies abseits des Mainstreams finden. Das ist heute genauso sicher wie früher, allerdings bei Bedarf mit der Technik von heute.
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