Im Netz der Spinne - Windsurf-Kurzgeschichte

Im Netz der Spinne

Windsurf-Kurzgeschichte

Achtung, voll krasse Kurzgeschichte mit Riesenwellen am Chiemsee: Willkommen zu einem Tag im Leben von Paul in der wunderbaren und perfekten neuen Welt des Windsurfens. Los geht's...

05:42 Es ist ein ganz normaler Dienstag. Paul wickelt sich langsam aus der Whatabutt!(TM) Folie, deren Hersteller beschleunigte Fettverbrennung im Schlaf verspricht. Er steht auf und schlurft zur Smartwaage. "Guten Morgen Paul", säuselt die Waage, die die beste Waage ist, die der Hersteller Cherryblossom je gebaut hat. Besser als alles zuvor, was die Briefkastenfirma aus sunny California mit 2,5 Millionen Angestellten in China je hergestellt hat. "Das war schon sehr gut Paul, dein Gewichtsverlust beträgt 0,000002%. Weiter so", schnurrt Natascha, die geräteübergreifende Voice-Pilotin, die Paul optimal durch sein Leben begleitet.

Schnell noch ins Eisbad, Pauls Kreislauf muss einfach besser werden. Natascha lobt Paul und berichtet, dass er in den letzten sechs Monaten bereits vier Minuten mehr Lebenszeit erzittert hat. Dann Dusche und Proteinshake.

06:32 Frühsport. Paul sitzt schon im Auto, da merkt er gerade noch rechtzeitig, dass er seine Sport&Health-Watch vergessen hat. "So eine Scheiße!" Er zwängt sich wieder aus dem Sitz, sprintet ins Haus und holt seine Watch. "Ein nicht gelogter Tag ist wie ein nicht gelebter Tag", sagt Pauls Freundin Hanna immer.

Aber jetzt. Auf zum Spot. Zwar fächelt nur ein laues Lüftchen über den Chiemsee, aber Paul hat den Early-Bird Slot gebucht und wird windsurfen gehen. Die KI im Auto verrät ihm, dass auch 95% der anderen Windsurfer in der Region sich schon für diesen Spot interessiert haben. Paul fühlt sich in seiner Wahl bestätigt, auch wenn er weiß, dass der Spotbetreiber zum gleichen Firmenimperium gehört, wie die KI. Positive Synergieeffekte seien das, hatte ihm mal ein Verkaufsberater erklärt. Er hat seinen Slot sowieso reserviert, im sicheren Gefühl das Richtige zu tun und um die neue Parkplatz-Höhenbeschränkung von 1,20 Meter muss er sich auch keine Sorgen machen, denn sein Auto ist flach wie eine Flunder, CW-Wert optimiert bis zum Gehtnichtmehr. Man kann zwar im Auto nicht mal mehr einen Kasten Wasser transportieren, aber das wird wie alle anderen Einkäufe sowieso von Amadrone geliefert, seitdem sich der US-Konzern die europaweiten Wasserrechte gesichert hat.

Wave steht heute auf dem Programm. Das Equipment hat Paul gemietet, alles ist versichert. Paul muss sich nicht mal um Updates kümmern und die Juicer haben dafür gesorgt, dass das Equipment auch aufgeladen ist. Dafür zahlt Paul gerne. Er hat sogar das premium Abo mit Flat-Rate, mit dem er auch im Ausland roamen darf, und das ohne, dass seine Geschwindigkeit gedrosselt wird.

Pauls Vater krächzte selbst im hohen Alter immer noch "Länge läuft" aber heute gilt nur noch "Läuft der Bord-Computer nicht, läuft nix!"

Paul nimmt das 4,8er und das iWave(sooowas von TM, das glaubt ihr gar nicht) in Empfang und steigt aufs Board. Das Glide_on-Modul(TM) springt schnurrend an und gleicht sofort den fehlenden Vortrieb aus. Paul düst auf den See hinaus. Mitleidig denkt Paul an frühere Generationen. Da hat man versucht, sich das Windsurfen als Natursport schönzureden. Als wenn es natürlich wäre, den eigenen Tageseffizienz-Score für das Warten auf Wind aufs Spiel zu setzen.

In regelmäßigen Abständen bricht schon THEWAVE(R) am künstlichen Riff THEREEF(TM). Unter Wasser sorgt ein riesiger Schlitten für Swell. Das Riff ist so geformt, dass die Welle an Perfektion nicht zu überbieten ist. Alles ist wie immer. Paul weiß, wenn er die Welle optimal abreiten will, muss er mindestens vier Turns reinhauen. Alles andere würde seinen Score abwerten und das Wave-Modul automatisch in einen anfängerfreundlicheren Modus versetzen. Außerdem voted die Community immer gleich voll fies, sobald seine von der Krankenkasse im Telemtrie-Tarif verordnete Sport&Health-Watch seinen automatisierten Performance-Eintrag an die Community-Plattformen meldet.

Paul weiß, was von ihm erwartet wird, er arbeitet konzentriert die perfekt Welle ab, wie jeden Morgen.
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08:30 Bei der Arbeit checkt Paul noch schnell seine News. Die KI setzt ihm genau das vor, was seiner Meinung entspricht und was ihn interessiert. Wenn Paul etwas liest, was seiner Meinung entgegensteht, regt er sich immer furchtbar auf, seine Sport&Health-Watch spielt dann verrückt. Aber auch dieses Problem ist gelöst. Die Krankenkasse gehört zum gleichen Konzern wie YOURNEWS(TM). "Profitieren sie vom Netzwerk-Effekt", nennt es der Mutterkonzern AMA-zing(TM).

"Nur wenn wir alles wissen, können wir auch optimal ihre individuellen Wünsche beeinflussen", hatte Pauls subversiver Vater immer gefrotzelt.

Aber der hat auch bis zum Schluss immer DAILY DOSE gelesen, obwohl die Seite im Lauf der Zeit immer weiter im Gugel-Ranking abrutschte, weil sie die "Sprachvorgaben für Website-Betreiber" nicht berücksichtigt hatte und sich auf Micro Displays ohne Lupe kaum entziffern ließ.

10:37 - 19:37 unterbrochen durch Mittagspause: Paul bearbeitet Vorgänge in der Stadtverwaltung, die die KI nicht lösen konnte. Da hatte eine Rentnerin einfach Tomaten gezüchtet und verschenkt, obwohl die AMA-zing(TM) Tochter AMA-santo(TM) das Patent auf alle Nachtschattengewächse erworben hatte. Die KI konnte aber nicht damit umgehen, dass die Seniorin in der Bevölkerung äußerst beliebt ist und eine Eliminierung der Pflanzen durch Zap-A-Drone kam hier nicht in Frage. Paul drückt routiniert auf den "Erledigt" Button ohne eine Entscheidung zu treffen. Der Rest des Tages geht für Vorgänge drauf, bei denen Bürger Dinge ohne Konsultation der KI einfach selbst getan hatten und das auch noch "Eigenverantwortlich" nannten.

19:39 Paul wirft noch schnell einen Blick auf die Windsurf-News. Die von den Spotbetreibern automatisch geposteten Bilder wollen kommentiert und gevoted werden. Doch was war das? Paul platzt die Hutschnur. Ein KI-Fail. Ein nicht perfektes Bild war durch den Upload-Filter gerutscht. Ein Selbst-Uploader. So ein Selbstdarsteller, der selber hochlädt, anstatt die KI der Spotbetreiber entscheiden zu lassen. Da surfte dieser jemand noch nicht mal eine Welle, war weder besonders schnell, noch hatte er einen besonderen Style. Das geht ja gar nicht. Und der Typ faselt was von Sonnenuntergang. Auch der war nicht perfekt, nicht mal in der Nachbearbeitung geschönt. Was ein Looser! Pauls Emotionen kochen. Wie kann dieser scheiß suboptimale Typ sein scheiß suboptimales Gesurfe auch noch scheiß hochladen! "Scheiße, Scheiße, Scheiße" brüllt Paul.

20:00 Treffen der Anonymen Appoholiker. Pauls Sport&Health-Watch hatte während Pauls Hate-Posts einen höher als durchschnittlich üblichen Puls sowie Schweißausbrüche festgestellt und Paul die freundliche Wahl zwischen einer Abstufung im Krankenkassen-Tarif oder der Teilnahme an einem Treffen der anonymen Appoholiker gelassen. Paul begrüßt die Gruppe und die Gruppe ruft im Chor "Paul ist apphängig wie wir alle. Sei gegrüßt Paul!" Da fühlt sich Paul schon ein bisschen besser, schließlich war er genauso apphängig wie 98% aller Anderen. Am Schluss der Session erneuert er reumütig sein Abo bei den Anonymen Appoholikern. Das Abo war einfach zu triggern, denn die Appaholiker gehörten zum gleich Konzern wie die Krankenkasse, die zum gleichen Konzern wie Cherryblossom(TM), der Uhrenhersteller gehört.

22:30 Paul wickelt sich in eine extra-Lage Whatabutt!(TM) Folie. Er hatte auf dem Nachhauseweg einen alten Riegel Schokolade im Handschuhfach des Wagens gefunden und verzehrt, obwohl er natürlich erwartete, das Natasha ihn dafür tadeln würde und zu einem Abo-Upgrade raten würde und gleichzeitig Amadrone automatisch neue Schokoriegel bringen würde. Endless Win by Win-Win nannte das der über allem stehende Mutterkonzern, der dafür sorgt dass im Firmennetzwerk der Gewinn optimiert wird. Nur bei Buttbook(TM), dem Tochterkonzern von Whatabutt!(TM) würde er NIE mitmachen. Macht doch eh jeder Arsch mit.

Was soll's, dachte Paul, positiv denken! Morgen ist ein neuer Tag, an dem alles noch besser werden kann. Vielleicht würde er sogar den Like-Rekord brechen. Und wie gut, dass er nicht zu der Zeit leben musste, als sein Vater noch lebte. Der hatte nur seine paar Kumpels und er hatte auch keinen Like-Score. Der war einfach immer nur surfen gegangen und hatte auch noch behauptet, es habe Spaß gemacht.

Wie gut, dass jetzt alles besser ist, besser und optimaler als je zuvor.