Windsurfen vor Galicien

Galicien

Retro Story von 1997

Galicien ist wie ein Kaleidoskop. Hinter jeder Straßenbiegung warten Landschaft und Wetter mit neuen Überraschungen auf.

Der Weg von Portugal in die Bretagne führt fast zwangsläufig an Galicien vorbei. Grund genug, mal nachzusehen, was dort so abgeht. Spontan fanden sich noch in Viana do Castelo zwei freundliche Mitstreiter, die mit einem T3 Synchro sehr gut für ein Abenteuergewappnet waren.

Wir hatten keine wirkliche Ahnung, was uns erwartete. Es gab ein paar Informationen vom Hörensagen. Ungemein aber reizte dieser fast leere Fleck auf der ADAC Straßenkarte ("Ideal für Autofahrer!"). Nur eine Schotterpiste sollte entlang eines Teils der Küste entlangführen. Die Linie war geradezu hingehaucht, als wenn die Kartenzeichner sagen wollten, "versuch's erst gar nicht!"
Windsurfen vor Galicien
In Galicien musste einfach was gehen. Dieses Grundwissen hatten mir schon in frühester Kindheit die "Petzi" Comics vermittelt, denn dort kam immer in der Biscaya ein Sturm auf.

Machen wir uns also auf ins Unbekannte und hoffen auf den Sturm!

Zunächst ist die Stimmung eher unterdurchschnittlich. Der Himmel ist grau, die Orte auch und der Asphalt der Straße ebenso. Der Fang von Fischen in großem Stil scheint ein Garant von nebelverhangenem, tristem Hafenambiente zu sein.
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Windsurfen vor Galicien
Doch dann wird die Landschaft mit jeder Kurve verwegener, das Asphaltband endet und macht immer wieder einer eher grobschlächtigen aber in freundlichem ocker gehaltenen Geröllpiste Platz.

Die dunklen Wolken reißen auf, werden von Sonnenstrahlen zur Seite geboxt. Unterhalb der Straße funkelt plötzlich makellos weißer Sandstrand vor türkisfarbenem Wasser. Wie konnte das sein? Eben noch die Tristesse der Hafenstädte und nun schälte sich ein Juwel nach dem nächsten aus dem Dunst.
Windsurfen vor Galicien
An einer Flussmündung lockt eine von den Gezeiten geformte Lagunenlandschaft. Plattgeschliffene Granitfelsen erinnern an die Seychellen, das Meer ist glasklar. Der Wind ist flau, aber es reicht für ein paar Schläge. Zu allem Überfluss spielt eine Schule Delfine auf dem offenen Meer.

Der Hunger treibt uns in ein Dorf, wir suchen eine Bäckerei. Einen "richtigen" Laden suchen wir vergeblich. Wir finden eine Metzgerei, in der ein geschlachtetes Tier auf einem Tisch liegt. Der Kunde wählt, der Metzger metzgert das entsprechende Stück Muskel oder Organ aus dem Tier. Wir sind schockiert. Wir sind verwöhnte Supermarktkunden und spontane Vegetarier. - Die freundlichen Dorfbewohner lotsen uns zur Bäckerei. Diese entpuppt sich als Bauernhaus ohne Hinweisschild. Im Dorf wissen sowieso alle, wo es das Brot gibt. Und wer fremd ist, fragt oder geht leer aus.
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Der erste Biss in das erstandene Brot ist unerfreulich bitter. Das liegt an den Blättern von Laubbäumen, die als Bio-Backpapier am Brot haften. Das Brot schmeckt umso besser, nachdem die Pelle staunend entfernt wurde.

Im zweiten und teilweise auch im ersten Gang ging es weiter vorwärts entlang der Küste. Mit T2 und T3 Synchro kein Problem. Die Fahrzeuge konnten grobes Terrain ab.

Irgendwann endet die Piste endgültig und wir werden von einem frischen Asphaltband eingesaugt. Es führt uns wieder in die Moderne, schleust uns an der Landschaft entlang und nicht mehr hindurch, vorbei an fortschrittlicher, aber trist anzusehender Industrie.
Windsurfen vor Galicien
Das Abenteuer ist vorbei. Was bleibt, ist die Erinnerung genau dort unverhofft wunderbares zu sehen und zu erleben, wo die Karte keinen Hinweis gibt und wo der Reiseführer schmallippig ist.

(Und noch eine private Mitteilung an die beiden T3 Fahrer von damals. Falls ihr das lest, meldet euch doch bitte mal bei info@dailydose.de)
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