Windsurfen in Finnland

Finnland

Zwischen Blaubeeren und Braunbären

Finnland ist fast so groß wie Deutschland, hat aber nur etwa fünf Millionen Einwohner, 1.250 km Küstenlinie und etwa 188.000 Seen. Gerade in den Zeiten von Corona bietet sich Finnland als Urlaubsdestination an.

Es ist still. So still, dass ich nur den eigenen Atem höre. Keinerlei Zivilisationslärm erreicht das Ohr. Es fühlt sich an wie ein akustisches Vakuum. Wir werden in Finnland ständig daran erinnert, dass sich Lebensqualität manchmal daraus ergibt, was es nicht gibt.

Verkehr zum Beispiel. Die Straßen sind faszinierend leer, die Autos fahren tiefenentspannt langsam. Wir kommen auf der Landstraße trotzdem schneller voran als auf einer von Baustellen gespickten deutschen Autobahn.

Uns zog es in Richtung Norden, in den finnischen Teil Kareliens nahe der russischen Grenze, ins Land der Braunbären und Blaubeeren. Dabei ist nicht ganz klar, ob es dort nur viele Seen gibt oder einfach viele Inseln in einem riesigen Seengebiet.
Windsurfen in Finnland
Die Landschaft ist unfassbar wild, der Wald viel heller und lichter als in Deutschland, denn die Bäume wachsen aufgrund der winterlichen Schneelast weniger in die Breite. Mehr als einmal wähnen wir uns eher in Kanada oder im Yukon. Das kann eigentlich nicht Europa sein.

Abgewöhnen sollte man dem Navi auf jedem Fall den Verzicht auf nicht asphaltierte Straßen. Gerade die Pisten erlauben es tief in die Waldgebiete vorzudringen und die interessantesten Plätze sind oft nur über Pisten zu erreichen.

So finden wir in der Nähe der russichen Grenze einen Campingplatz mitten im Pinienwald, den Boden bedeckt ein Teppich aus Beerenpflanzen und Heidekraut. Bei unserer Ankunft ist niemand da, Google hilft bei der Übersetzung der finnischen Notizen, die das Einchecken auf dem Platz erklären. Das Vertrauen in die Menschheit scheint hier grenzenlos zu sein. In der Rezeption sorgt ein Ofen für Wärme, alle Räume sind offen. Boote liegen am Ufer, das Trinkwasser liefert ein Brunnen, Trockenklos erlauben das Verrichten des Geschäfts auf finnische Weise. Wir suchen uns auf dem menschenleeren Platz für unseren Van eine Nische im Blaubeerteppich.
Anzeige
Windsurfen in Finnland
Schnell wird aufgeriggt. Die Bedingungen auf dem See sind extrem böig, trotzdem ist es eine Session, die ich nie vergessen werde. Die Ufer des Sees sind von einer Wildheit, wie ich sie bisher nur im Norden der USA gesehen habe. Das Surfen fühlt sich eher an wie eine Expedition. Alles ist neu, hinter jeder Biegung des Sees wartet eine Überraschung.

Damit ist auch schon definiert, dass normales Equipment, welches nur in Gleitfahrt Sinn macht, hier nicht unbedingt die erste Wahl ist. Bei mir ist ein Windsurfer LT das Board, das solche Ausflüge erlaubt und auch bei Bedarf als SUP her hält.

Die Wildheit der Landschaft und die miteinander verbundenen äußerst vielgestaltigen Seen mit unzähligen Inselchen verlangt auch eine ganz andere Herangehensweise an Windsurf- und SUP-Touren. Was auf der Karte sehr definiert aussieht, verschwimmt vom Wasser aus betrachtet zu einer Linie. Ein Smartphone oder ein GPS dabei zu haben, ist zu Orientierungszwecken absolut sinnvoll. Es versteht sich von selbst, dass in so einer Einsamkeit schnelle Hilfe ausgeschlossen ist.

Tipps zu bestimmten Spots sind allerdings überflüssig. Es gibt einfach zu viele.
Windsurfen in Finnland
Noch weiter im Norden wartet dann ein Abenteuer der anderen Art auf uns. Braunbären sind zwischen Finnland und Russland Grenzgänger und an einigen Stellen wurden Beobachtungshütten eingerichtet. Wir mieten eine dieser Hütten, ein Führer bringt uns gegen 16 Uhr in den Wald und soll uns am nächsten Morgen gegen sieben wieder abholen. Unsere Namen werden an die Grenzpatroullien weitergegeben, denn die Hütte liegt im Grenzstreifen, der ohne Erlaubnis nicht betreten werden darf.

Der Holzverschlag ist klein, Etagenbetten erlauben ein Nickerchen und das olfaktorisch interessante Trockenklo ist auch wieder dabei. Wir hatten uns eigentlich auf ein langes Starren in die hereinbrechende Dämmerung eingerichtet, aber kaum wird der Führer wieder vom Wald verschluckt, taucht der erste Bär auf.
Windsurfen in Finnland
Langsam sickert es durch: Dies ist kein Gehege, der Bär ist wild und uns trennen nur etwa vier Zentimeter Holz und ein Stoffstreifen dort, wo das Kameraobjektiv nach draußen lugt. Wir sind still und dann folgt über Stunden ein Bärenspektakel. Nur wenige Meter von der Hütte entfernt schnaufen sie durch den Wald und suchen... Hundefutter. Die wilden Tiere werden durch die Appetithäppchen bestochen. So recht wissen wir nicht, was wir davon halten sollen, dann aber überwiegt die Faszination.

Die Hinterlassenschaften der Bären zeugen aber auch von ihrer eigentlichen Nahrung: Beeren. Die Haufen sind blaubeerblau. Wir schlafen nur wenige Stunden, dann sitzen wir wieder still an den Kucklöchern und immer wieder zieht ein Bär vorbei.
Windsurfen in Finnland
Auch die Bärenexpedition war dank Corona und geschlossener Grenzen so gut wie nicht besucht. An diesem Tag waren wir bis auf einen Tierfilmer die einzigen im Wald. Und das war, egoistisch gesehen, auch gut so, denn unser Guide berichtete von Besuchern diverser Nationalitäten, die die Bären durch lautes Getratsche vertreiben und von Asiaten, die ihr Leben für ein Selfie mit einem finnischen Bären aufs Spiel setzen.

Dank geschlossener Grenzen in viele Richtungen fanden wir im August 2020 in Finnland ein geradezu exklusiven Abenteuerspielplatz mit unendlich viel Platz. (Social Distancing ist hier allerdings auch ohne Corona aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte Normalität und keine Übung.) Wegen der Bären oder Wölfe muss man sich allerdings im Urlaubsalltag keine Sorgen machen. Die Tiere fliehen sofort, sobald sie eine Menschen wahrnehmen. Selbst viele Finnen haben noch nie einen Bären gesehen.

Vorerst sind auch Deutsche erstmal wieder ausgeschlossen. Die Finnen wollen ihren sehr niedrigen Coronazahlen halten und haben am 24. August 2020 für deutsche Touristen die Grenzen wieder dicht gemacht.

Die aktuellen Infos bezüglich der Einreise in das EU-Land gibt es über: visitfinland.com
Windsurfen in Finnland
Anreise: Die Fähren von Finnlines sind nicht unbedingt günstig, benötigen von Travemünde aus etwa 29 Stunden nach Helsinki, bieten aber eine sehr entspannte Art, die Reise zu beginnen. Die Fähren bieten viel Platz, die Kabinen besitzen Dusche und WC und auf dem Schiff kann man den anderen Passagieren recht gut aus dem Weg gehen. Das gilt erst recht für das riesige offene Oberdeck.

Übernachten: Es gibt im Land unzählige Badestellen, die über Toiletten und oft auch einen schön gelegenen Parkplatz verfügen. Beim Übernachten sollte man aber Fingerspitzengefühl walten lassen. Grundsätzlich ist das zwar erlaubt, wenn die Beschilderung nichts anderes sagt, aber zu dichte Beparkung mit Wohnmobilen hat auch schon zu Verboten geführt. Campingplätze liegen oft direkt am See und bieten Stellplätze am Wasser. Während unseres Aufenthaltes im August 2020 waren die Plätze nur wenig besucht.

Verkehr: Geschwindigkeitsüberschreitungen sind teuer. Deshalb empiehlt sich ein Tempomat im Wagen und eine App wie Sygic, die neben der Routenführung auch Blitzer und Geschwindigkeitsbegrenzungen kennt. Ansonsten ist das Fahren auf Finnlands Straßen sehr luxuriös, sofern man sich mit der gemächlichen Gangart anfreunden kann.
Windsurfen in Finnland
Windsurfen in Finnland
Windsurfen in Finnland