Lasse Boenecke

Vom Fußgänger zum Freestyler

Lasse Boenecke beschreibt seinen Weg vom Anfängerkurs bis zum ersten Freestyle Event der europäischen Meisterschaftsserie EFPT.

Jeder Windsurfer erinnert sich wohl noch an den Moment, als er das erste Mal auf dem Brett stand. Man erinnert sich an den wackeligen Untergrund, das Segel, das einem viel zu schwer vorkommt und die unbändige Kraft des Windes, die es einem quasi unmöglich macht, sich auf dem Brett zu halten.

Ähnlich ging es auch mir, als ich meinen ersten Kurs beim Surf Club Kiel absolvierte, mit dem kleinen Zusatz, dass sich gleichzeitig die Keikisurfer um uns herum bei Spocks, Flakas und sauberen Loops austobten. Nachdem ich diese Show bewundern durfte, war mir klar: Das will ich eines Tages auch können! Das Problem an der Sache: Wenn man ein guter Freestyler werden möchte, bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als sein Leben mehr oder weniger vollständig auf den Sport auszurichten. Ein guter Anfang dafür ist ein Studium in der deutschen Windsurfhauptstadt Kiel, die Wahl eines Fachs, bei dem man mit möglichst wenig Anwesenheitspflicht konfrontiert wird und ein Nebenjob, den man am besten von überall aus erledigen kann. Sobald man herausgefunden hat, wo sich die kieler Freestyleelite bei welcher Windrichtung die Ehre gibt, sieht man sich schnell mit doppelten Powermoves konfrontiert, was ganz besonders anspornt, die eigene Komfortzone zu verlassen und irgendwie zu versuchen, mit dem extrem hohen Level mitzuhalten. Eine tolle Motivation zum weiteren Üben sind auch immer wieder die von Valentin Böckler organisierten German Freestyle Battles, ein Wettkampf, bei dem sich Freestyler aller Niveaus in einer lockeren, freundschaftlichen Atmosphäre miteinander messen. Seit einiger Zeit wird über dieses Wettkampfformat auch der offizielle deutsche Meister bestimmt.
Lasse Boenecke
Nach meinem Bachelorabschluss an der Uni, viel Training und einer Menge Glück gelang es mir 2017, mich in der offiziellen deutschen Freestylerangliste hinter Mathias Genkel und Valentin Böckler auf den dritten Platz vorzuarbeiten. Mit den beiden Surfern, deren Videos ich zu meinen Anfangszeiten immer so bewundert hatte, auf einem Treppchen zu stehen, war Motivation genug, um die letzten Klausuren und die Thesis für meinen zweiten Uniabschluss nicht in der Universität zu schreiben, sonden „von unterwegs“ zu erledigen.

Die gute Platzierung, der Auftritt als Showsurfer auf der Boot Düsseldorf und etwas Medienarbeit weckten auch das Interesse der Hightech-Segelmarke Avantisails, dem flensburger Accessoirhersteller Woodlovers und dem auf Südfrankreich und Kroatien spezialisierten Windsurf-Reiseveranstalter Jas-Tours.de, mit denen ich meine ersten ernsthaften Sponsoren finden durfte. Als mir dann noch einer meiner Professoren anbot, für ihn zu arbeiten, von wo sei ihm „egal, solange das Ergebnis stimme“, war der Coup perfekt und meine erste Saison auf der European Freestyle Pro Tour konnte beginnen. Vor den ersten Events sollten Spanien und Frankreich als Trainingsgebiete dienen.
Lasse Boenecke
Die Reise beginnt, Südspanien, Tarifa
Ein toller Nebeneffekt der neuen Unterstützung war definitiv, dass ich meinen Teamkollegen Felix Volkhardt kennenlernen durfte. Ein surfverrückter Kerl, der gerade im Begriff war, mit seinem Fernstudium zu beginnen, und genau wie ich seine erste Saison in der EFPT vor sich hat. Zusammen reisten wir im Januar nach Tarifa, um am Avanti Fotoshooting teilzunehmen. Da wir uns für längere Trainingsaufenthalte in der Regel eher in Richtung südamerikanische Äquatorzone verabschiedet hatten, waren wir uns zu Beginn der Reise sicher, dass der Wind eigentlich gar nicht so schlecht wie vorhergesagt werden könnte und dass die prognostizierten drei Grad wohl eher ein schlechter Witz des spanischen Wetterdienstes sein mussten. In Tarifa angekommen wurden wir eines Besseren belehrt. Die Vorhersage traf in allen Punkten zu und die fehlende Heizung in der spanischen Ferienwohnung war auch nicht gerade hilfreich, um die Moral aufrecht zu erhalten.

Die Landschaft um Tarifa war allerdings wunderschön, die Sonnenuntergänge makellos und das Dorf an sich ein Ort, an dem man sich im Sommer sicher gut einige Monate aufhalten kann. Wir verbrachten viel Zeit mit der Suche nach Wind und fanden heraus, dass die thermischen Effekte in Tarifa etwa zu zusätzlichen zehn Knoten führten. Die Thermik bescherte uns leider nur einmal genug Wind, um richtig freestylen zu gehen, bot für die ansässigen Slalompiloten allerdings optimale Bedingungen. Anstelle von Freestyleaufnahmen durften wir uns auf dem Freerideequipment ablichten lassen und anstelle neuer Manöver brachten wir beide eine dicke Erkältung mit nach Hause. Das nächste Mal Tarifa wird definitiv im Sommer sein, dann aber mit viel Wind und angenehmeren Temperaturen.
Lasse Boenecke
Erste Wettkampfvorbereitungen, Südfrankreich, Leucate
Südfrankreich war für mich seit meiner Kindheit wie ein zweites zu Hause, nachdem ich in dieser Region eine Zeit lang zur Schule gegangen und dank meiner Mutter ansatzweise zweisprachig aufgewachsen war. Umso mehr freute es mich, dass das erste EFPT-Event in Form des Wettkampfs „Mondial du Vent“ Mitte April in la Franqui, nahe Leucate, stattfinden soll. Felix und ich schworen uns, aus dem Fehler, den wir in Tarifa begangen hatten zu lernen und behielten die Vorhersage in Leucate vor unserer Anreise eisern im Blick. Nachdem sich der Tramontana, ein Ableger des berüchtigten Windsystems „Mistral“, stabilisiert hatte, machten wir uns mit unseren Bussen auf ins französische Freestyleparadies.

Anstelle einer kleinen eiskalten Wohnung empfing mich diesmal Jörn, der Inhaber von Jas-Tours.de, mit einem leckeren Abendessen, einem Apartment direkt am Etang de Leucate und Unterstellmöglichkeiten für mein Material am Spot - dieser Trip begann definitiv besser als der Letzte! In den folgenden Wochen kamen wir in den Genuss feinster südfranzösischer Windsurfbedingungen, die teilweise sogar so fein wurden, dass wir die geschütztesten Spots der Region aufsuchen mussten. Generell gilt in Leucate: Je weiter man nach Süden in Richtung Port-Leucate kommt, desto schwächer wird der Wind. Sucht man stärkeren Wind, so ist man vor allem an den spiegelglatten Spots Port la Nouvelle, La Franqui und Gruissan gut aufgehoben. Sollte sich der Tramontana einmal verabschieden und Wind aus Osten, der sogenannte „Marin“ einsetzen, ist am Spot Lac de la Ganguise im Landesinneren meist mit Wind zu rechnen.

Nach einigen Wochen toller Bedingungen endete dieser Trip wie der letzte, nämlich mit einer dicken Erkältung, von der Felix und ich uns nun erstmal in Deutschland erholen werden, bevor es am 17. April mit dem EFPT-Debut weitergeht. Unter den deutschen Teilnehmern werden unter anderem auch Valentin Boeckler und Julian Wiemar sein.
Lasse Boenecke