Julien Pockrand und Mario Kümpel in Tarifa

Der Weg zum Profi

Echte Viren, Youtube & eine Fundamentalanalyse

Die beiden Surfbuddies Julien Pockrand und Mario Kümpel verbringen in diesem Winter einige Wochen im spanischen Windsurfmekka Tarifa, um sich auf die kommende Regattasaison vorzubereiten. Beide wollen in die Profiliga, aber jeder auf seine Weise. Hier ist Teil eins ihres Berichts:


Julien hustet aus dem kühl-luftigen Badezimmer, mein Hals tut weh und Jago, Juliens Hund, kaut motiviert an seinem Streifen Kuhkopfhaut. Es ist der erste von vielen Tagen am Traumurlaubsziel vieler Windsurfer: Tarifa. Wir sind mit einem sehr einfach zu formulierendem, wenn auch in der Praxis sehr komplexem Ziel in den Süden gereist: Wir wollen Profi werden. Jeder auf seine Art und Weise.

Juliens Traum liegt irgendwo in den Top-16 der PWA und mein Traum bei 10.000 YouTubeabonnenten und einer Top-10 Platzierung bei der Deutschen Meisterschaft. Wenn man es jetzt einmal rational betrachtet, dann haben wir beide die besten Vorraussetzungen, unsere Vorstellung real werden zu lassen. Das Surfmaterial ist vorhanden, wir sind am Place-To-Be und meine Eltern murren zwar ab und zu, aber da sie in Deutschland murren, ist das Murren kaum wahrzunehmen.
Julien Pockrand und Mario Kümpel in Tarifa
Naja, dann mal los. Zur Apotheke. Julien ist der festen Überzeugung, dass ihm eine Mandelentzündung bevorsteht. Schuld daran bin höchstwahrscheinlich ich, denn er war gesund vor meiner Anreise. Nun ja. Neben verschiedenen indischen Wurzelkreationen, einem Honig mit exotischem Namen und spanischen Halsschmerztabletten deren Inhaltsstoffe unbekannt sind, soll ein Basenbad helfen. Trotz all der verschiedenen Alternativen an alternativen Heilmitteln, überlebt der Virus scheinbar problemlos und darf sich darüber freuen, seine erste Surfsession zu mitzuerleben.

Der Forecast für die nächste Woche sieht astrein aus und so geht es gleich am nächsten Tag mit fast auskurierter Krankheit aufs Wasser. Der Levante bläst mit böigen 20-30 Knoten sideoffshore über den endlos weiten Sandstrand und bereitet ein spektakuläres Bild. Der Himmel ist frei von jeglicher weißer oder grauer Verfärbung, die Sonne erwärmt die im Winter eigentlich recht kühle Luft auf angenehme 18 Grad und das Wasser ist bis auf einen konstant rollenden Swell spiegelglatt. Man fühlt sich, als wäre man in einem dieser surrealen Surfvideos auf YouTube.
Julien Pockrand und Mario Kümpel in Tarifa
Sebastian Kördel und Ben van der Steen bauen ebenfalls ihr Material auf und das Windsurffeeling, welches man in Deutschland so vermisst hat, ist zurück. Es ist Zeit für das erste Training. Ich entscheide mich für mein 7.0er Slalomsegel und mein kleinstes Board, welches 89 Liter Wasser beinhalten könnte, wäre es nicht aus Carbon und Kunststoff. Dazu eine 34er Hurricane Finne die schon länger ausgedient hat und ab geht die Post.

Julien ist bereits auf dem Wasser, denn bei ihm geht immer alles etwas schneller. Ich habe das "Problem", dass ich jeden Schritt meines Windsurferlebens auch noch videotechnisch dokumentieren will und das kostet paradoxerweise Zeit auf dem Wasser.

Auf dem Mittelmeer ist die Krankheit gefühlt dann aber erstmal verflogen und zwar komplett. Als langsamster in der Trainingsgruppe habe ich viel Zeit die anderen zu beobachten und ich finde es erstaunlich, wie bei ihnen einfach alles zu passen scheint. Natürlich tut es das nicht, denn jeder tüftelt, tunt und verbessert ständig, aber meine Schwierigkeiten sind etwas elementarer als jede Segellatte einzeln zu variieren.

Während ich mich nach jedem Schlag frage ob der Gabelbaum höher oder tiefer gehört, die Mastfußposition stimmt oder das Segel zu lasch getrimmt ist, fahren die anderen konstant ihre Bahnen. Die letzten Male in Tarifa hat mich das immer frustriert, aber dieses Jahr ist irgendwie alles anders. Dazu später mehr.
Das Training wird trotz fehlendem Frust natürlich ernst genommen und da hab ich Ihn direkt, den ersten Punkt auf der Trainingsagenda. Das Material muss so stimmig sein, dass ich mir darüber keine Gedanken mehr machen muss und mich rein auf die Fahrtechnik konzentrieren kann. Bedeutet: Wenn ich mein Segel aufbaue, dann darf die Frage ob das so alles stimmt gar nicht erst auftauchen.

An einem Tag ist das aber unmöglich zu realisieren und so entspanne ich mich, um die Session zu genießen. Was in den nächsten Tagen und Wochen ansteht, steht aber definitiv fest. Wie ich die Aufgabe bewältige steht übrigens auch schon fest, es ist sogar recht unkompliziert: Alle Variablen variieren, dokumentieren und letztendlich die Gleichung lösen.

Wenige Genießermomente später entschließt sich die Trainingsgruppe einstimmig dazu, sich gegenseitig bei den Halsen zu filmen. Einer steht mit der GoPro im Wasser und die anderen fahren so dicht wie möglich um ihn herum. Warum nicht einfach ohne GoPro? Die Antwort ist ganz einfach, its part of the Deal.
Julien Pockrand und Mario Kümpel in Tarifa
Wenn für Profisurfer das pure Surfen schon Arbeit ist, dann ist das dokumentieren der eigentlichen Arbeit erst recht Arbeit. Es ist nunmal nicht so wie im Fußball, wo du als Star so relevant bist, das sich Leute und Medien die Informationen über dich selbstständig verschaffen. Wer im Windsurfen Starstatus genießen möchte, der muss sich selbst in Szene setzen und wer das nicht kann, der hat langfristig ein Problem.

Sponsoringdeals basieren, zumindest wenn es irgendwann nicht mehr nur um die üblichen Prozente geht darauf, dass die Marken Absätze erzielen möchte. Da ist es dann egal wie schön deine Halse aussieht, wenn niemand deine Halse sieht, dann kauft auch keiner das Board welches du fährst.

Ergo: wir fahren Halsen um die GoPro.

Nach der kurzem Filmsession neigt sich die hingegen recht lange Surfsession dem Ende zu. Der Wind lässt nach und nach einigen letzten Speedruns unter Land, geht es wieder aufs Land.

Es wird abgebaut, gelacht und der immer satter werdende Rotton der Sonne vermischt sich mit dem Blau des Himmels und färbt den gesamten Horizont in, wer hätt´s gedacht, lila. Also so eine Art lila... Nicht das am Ende jemand enttäuscht nach Tarifa fährt und ihm der Himmel dann doch nur leicht rosa erscheint.
Julien Pockrand und Mario Kümpel in Tarifa
Julien ist auf jeden Fall begeistert vom Surftag und berichtet mir wie nach jeder Trainingseinheit stolz, dass er den richtigen Profis immer näher auf die Pelle rückt. Leider beinhaltet sein heutiger Bericht auch, dass die Halsschmerzen wieder wie am Vortag sind.

Hört sich nicht weiter dramatisch an, ist aber tatsächlich unglaublich anstrengend. Denn eine Woche ausruhen, um dann wirklich wieder mit hundert Prozent an den start gehen zu können, das ist in Tarifa sehr frustrierend. Es wird sich aber, dank der sich bereits entwickelten Eigenschaft der eigenständigen Selbstreflektion dazu entschieden, mindestens einen Ruhetag einzulegen.

Wir fahren also mit angespannter Entspannung vor Augen nach Hause und kochen uns so viele Nudeln, dass die spanischen Halsschmerztabletten kaum noch Platz ihn uns finden.

Die gigantischen Uhrzeiger in unserem Wohnzimmer zeigen nun fast auf die Acht, was für mich bedeutet, den Tag revue passieren zu lassen. Im Videoschnittprogramm Final Cut Pro X. Da ich die Teile meines Lebens, welche mit Wind und Wasser zu tun haben als .mov Dateien festhalte und diese sich nicht von selbst in Reih und Glied bringen, mache ich das jetzt.

Vorhin schrieb ich etwas von wegen "in Szene setzten". Das ist der Punkt, an dem mein Weg und die Wege anderer Windsurfer sich trennen und das ist auch der Grund, warum ich meinte, dieses Jahr währe es etwas entspannter auf dem Wasser.

Juliens Fokus liegt auf sportlicher Leistung und meiner darauf, einen Kompromiss aus Ebenjener und dem kreieren einer "Windsurfshow" zu finden. Schaut man sich das ganze von außen an, egal ob Julien oder mich, dann wird man Chaos sehen. Oder zwei Dauerurlauber. Aber all das Chaos untersteht einer erzwungenen grundlegenden Ordnung, ohne die das Alles nicht funktionieren würde. Diese Ordnung aufrechtzuerhalten ist stressig, anstrengend und benötigt Willenskraft.

Hört sich wie ich zugeben muss dramatisch an, kann es sicher auch sein, aber wenn man eine Leidenschaft hat, dann nimmt man das gerne in Kauf und empfindet es als positiv.

Wie es weitergeht lest ihr im nächsten Teil der Story. Marios Youtube-Channel findet ihr hier.