Icaraizinho
Max Hoernes war im August in Icaraizinho und kam mit jeder Menge guter Erfahrungen und Reisetipps für DAILY DOSE Leser zurück...

Wie gewöhnlich packt jeden Windsurfer spätestens im Winter die Sehnsucht auf’s Board zu kommen und man überlegt an welchen windsicheren Spot man reisen könnte. In den letzten Jahren war Brasilien stark im Gespräch und wir bekamen spektakuläre Videos auf den einschlägigen Plattformen zu sehen.

Vor allem im Winter zieht es viele windhungrige Surfer dort hin, auch einige Profis kommen zum Trainieren an die Ostküste Brasiliens. Der bekannteste Spot ist wohl Jericoacoara, deshalb ist er gut besucht und die Preise haben sich in den letzten Jahren dementsprechend verändert. In diversen Berichten liest man gelegentlich auch von der „kleinen Schwester Jeri’s“ - genauer gesagt „Icaraizinho“ – einem kleinen Fischerdorf in das der Toruismus bisher nur wenig Einzug gehalten hat.
Icaraizinho
Dieser Spot liegt etwa 140 km südlich von Jeri und hat die gleiche unfassbare Windstatistik. Allerdings gibt es nur wenige Berichte über Icarai, schon gar nicht über die deutsche Haupturlaubszeit August – wie windsicher ist die brasilianische Küste also im Sommer?

Nach genaueren Recherchen über den Spot, die Flugverbindungen und Preise stand das Ziel für unseren 3-wöchigen Sommerurlaub fest: Icaraizinho de Amontada. Unsere Reisecrew bestand aus 2 Pärchen (2 Windsurfer + Begleitung) aus der Nähe von München. Wir buchten bei Condor Direktflüge von Frankfurt am Main nach Fortaleza mit 2x Sportgepäck (74,99 pro Strecke für 30kg) plus Rail&Fly. Nachdem wir unseren Stuff bestehend aus einem Board, 3 Segeln, 2 Masten und 2 Gabeln in unsere Boardbags pressten und versuchten die 30kg nicht zu knacken, stand die nächste Herausforderung auf dem Programm – die Anreise mit dem Zug zum Flughafen.

Wir wählten eine langsamere aber dafür direkte Zugverbindung zum Frankfurter Hauptbahnhof (Fahrtzeit ca. 5,5 Stunden) damit wir mit unserem unhandlichen Gepäck nicht mehrmals umsteigen müssen. Als wir am Bahnhof hektisch unsere Koffer und Bags in den Zug packten, fiel uns erst auf, wie schwer und sperrig so ein Boardbag sein kann. Geplant war, die Bags in einem Fahrradabteil abzulegen, allerdings gab es bei unserem Zug keinen klassischen Wagon für Fahrräder, sondern lediglich schmale Nischen hintern den Sitzen, die leider viel zu klein für einen Boardbag waren. Es dauerte auch nicht lange, bis uns der Schaffner, nicht gerade gut gelaunt, begrüßte und uns mitteilte, dass wir bei der nächsten Haltestelle wieder aussteigen können.
Icaraizinho
Nach langen Diskussionen konnten wir den Schaffner doch noch überzeugen und durften die Boardbags im letzten Wagon am Gang unterbringen – die erste Hürde war geschafft. Als wir am Hauptbahnhof ankamen, ging es direkt mit der U-Bahn weiter Richtung Flughafen, an dem wir auch übernachteten, da unser Flug erst am nächsten Vormittag startete.

Nach einer ungemütlichen Nacht in der Empfangshalle bei gefühlten 10 C° checkten wir um 05:00 früh ein. Die Condor Mitarbeiter machten große Augen, als wir mit unseren prallgefüllten Bags auftauchten und haben diese wie erwartet sofort gewogen – 2,4 kg Übergepäck war das Ergebnis. 10 Minuten später und 40 € ärmer waren wir unser Gepäck los und begaben uns zum Boarding.

Nach knapp 10 Stunden Flug landeten wir bei angenehmen 30 Grad in Fortaleza. Bei der Gepäckausgabe lagen schon die unversehrten Surfbags und die Koffer kamen innerhalb kürzester Zeit hinterher. In der Empfangshalle wartete auch schon unser Fahrer, den wir über unsere Pousada organisiert hatten. Übrigens: Am besten hebt man Bargeld direkt am Flughafen ab, da es in Icaraizinho selbst keinen Bankautomat gibt.
Icaraizinho
Unser Chauffeur schnappte sich einen Teil des Gepäcks und führte uns zu seinem Pickup, dieser war augenscheinlich nur für Koffer und maximal Kiteausrüstung ausgelegt. Er schien aber von unseren großen Boardbags nicht abgeschreckt zu sein, schichtete kurzerhand unsere Koffer und Bags auf die Ladefläche und zurrte alles mit einer Art „Kuhstrick“ fest. Der Weg vom Flughafen nach Icaraizinho führte uns bei angehender Dämmerung mitten durch Fortaleza und dessen Berufsverkehr.

Unser Fahrer beschloss kurzer Hand den Stau zu umfahren und bog in eine der zahlreichen Seitengassen ab, wusste aber scheinbar nicht genau wo es lang ging und so mussten wir öfter Wenden und nach dem Weg fragen, aber schließlich fanden wir aus der Stadt und donnerten mit allem was der Pickup hergab Richtung Icaraizinho. Dank der kurzen Nacht am Flughafen und nur wenig Schlaf im Flieger konnten wir trotz des Fahrstils die ein oder andere Minute schlafen.
Icaraizinho
Nach 3 Stunden rasanter Fahrt erreichten wir gegen 23 Uhr endlich das verschlafene Fischerdorf Icaraizinho und kamen in unserer Pousada Namens „Arte Vida“ heil an. Dort wurden wir herzlichen Empfangen, aber wir stellten überrascht fest, dass man hier mit Englisch nicht weit kommt. Wir verständigten uns daher erstmal per Hand und Fuß und bezogen unsere Bungalows. Nach dieser anstrengenden Anreise fielen wir sofort in unsere Betten und träumten von der ersten Session in Brasilien.
Icaraizinho
Am nächsten Morgen erwartete uns ein strahlend schöner Tag und ein reichhaltiges Frühstück mit Rührei, Obst und frisch gepresstem Saft. Wir waren gespannt darauf, die Umgebung und vor allem den Spot kennenzulernen. „Hiro“, der Hausherr unserer Pousada, bot uns an das Dorf zu zeigen und machte sich nach dem Frühstück mit uns auf den Weg.

Durch unsere fehlenden Portugiesischkenntnisse und Hiros mangelndem Englischwortschatz war die Kommunikation eher schwierig, aber dank eines Übersetzungs-App auf seinem Handy konnten wir uns ausreichend verständigen und er zeigte uns die Supermärkte und Restaurants im Dorf.

Anschließend führte er uns an die Spitze der Bucht zu einer Freundin von ihm, die zu unserem Glück deutsch sprach und uns den Spot ausreichend erklärte. Unsere Pousada lag in der Mitte der Kilometer langen Bucht und somit etwas abgedeckt vom Wind. Wir vereinbarten also, dass wir unser Material für die nächsten 3 Wochen für umgerechnet 30 € in ihrer Pousada lagern konnten.

Uns wurde ein echt brasilianischer Transporter für die Boardbags versprochen, also gingen wir über den Strand zurück zu unserer Unterkunft, die einen privaten Strandzugang besaß, packten die Koffer aus und richteten das Equipment für den Transport her. Kurze Zeit später kam auch schon ein uriger Ochsenkarren in den Garten gefahren, auf dem wir unsere Bags problemlos transportieren konnten.
Icaraizinho
Der Wind in Icaraizinho wird im Laufe des Tages stärker, also fuhren wir mit dem Ochsenkarren mit und starteten kurz nach Mittag die erste Session. Die Windrichtung ist Side/Side-Off von rechts und die Bedingungen sind sehr tidenabhängig. Bei hohem Wasserstand und etwas Swell rollt die ein oder andere Welle über das Riff und lädt zum Springen oder Abreiten ein. Das Wasser steht bei Flut ca. 1,5 Meter über dem Riff und man kann problemlos darüber fahren, allerdings sollte man die Pfähle in Lee nicht aus dem Auge verlieren.

Bei Ebbe läuft das Wasser, wie an der kompletten Küste, sehr weit zurück und das Riff wird freigelegt. Es bleibt ein kleiner Channel über den man aufs offene Mehr gelangt oder man bleibt innerhalb des Riffs. Bei sehr starker Ebbe kommt das Riff komplett aus dem Wasser und bietet auf der Innenseite perfekte Freestyle/Freeride Bedingungen mit spiegelglattem Wasser und konstantem Wind. Die Wassertemperatur beträgt im August um die 27 - 28 Grad und bietet traumhafte Boardshort-Bedingungen.

Wir denken, dass es zwischen Juli und Dezember kaum eine Region mit mehr Windsicherheit gibt. Innerhalb der 3 Wochen waren wir jeden Tag auf dem Brett mit Segelgrößen zwischen 4,2 und 4,8. Auf dem Wasser waren meistens nie mehr als 4-5 Windsurfer und wir hatten jede Menge Platz. Die Kiter sind normalerweise am anderen Ende des Strandes und kommen nur selten hoch.

Die Bucht macht in Lee komplett zu, dadurch besteht keine Gefahr aufs offene Meer zu treiben, man hat höchstens einen längeren Fußmarsch vor sich, aber bei der Freundlichkeit der Menschen wird man eventuell von einem Buggy mitgenommen.
Icaraizinho
Das Dorf ist wirklich noch ein Dorf und das Leben dort ist sehr entspannt. Die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit. Es gibt keine Luxushotels und keine Discotheken oder ähnliches. Dafür kann man in den überschaubaren Restaurants für kleines Geld sehr lecker Essen und an einer der Caipirinha-Bars direkt am Strand den Tag bei dem ein oder anderen Caipi für 5 Real (umgerechnet etwa 1,20 €) ausklingen lassen.

Unsere Pousada bot uns täglich ein reichhaltiges und frisches Frühstück mit Wurst, Käse, Obst und frischen Säften. Abends aßen wir in einem der Restaurants, in denen es von Pizza über Burger natürlich auch Fischgerichte und Meeresfrüchte gab. Sehr zu empfehlen ist das kleine Restaurant „Espaço Gourmet“, das ein Japaner betreibt, der auf sehr hohem Niveau kocht und mit ausgefallenen Gerichten begeistert. Es hat nur 3 Tische und ist auch nicht immer geöffnet, deswegen sollte man unbedingt vorher reservieren.
Icaraizinho
Im Dorfzentrum gibt es zwei kleine Supermärkte, in denen man Obst, Getränke und Snacks kaufen kann. Ansonsten ist es in Icarai sehr idyllisch. Im August trifft man auf wenig bis keine Touristen und auch sonst wird nicht viel geboten, aber dafür hat man Entspannung pur. Der nächste Bankautomat ist ca. 1 Stunde Autofahrt entfernt und auch das nächste Krankenhaus ist weit weg.

Wer auf Nightlife und Partys hofft, ist hier definitiv an der falschen Adresse, wer aber auf Entspannung und viel Wind steht, ist hier genau richtig. Auch das Freizeitangebot neben dem Surfen oder Kiten hält sich in Grenzen. Es besteht die Möglichkeit Buggys zu mieten und die Küste entlang zu heizen, allerdings sollte man vorsichtig sein und nicht zu weit fahren, denn es kommt oft vor, dass die spaßigen Fahrzeuge aus heiterem Himmel liegen bleiben und weit und breit keine Hilfe zu finden ist. Eine nette Abwechslung bietet ein Ausflug zu einem der Süßwasserseen im Umland zum Baden und Erkunden.

Fazit: Wer einen Surfurlaub mit traumhaften Bedingungen und sehr hoher Windausbeute sucht, ist in Icaraizinho definitiv an der richtigen Stelle. Der Spot bietet neben Flachwasser auch etwas Welle und ist somit nicht nur für Freestyler/Freerider sondern auch für Wave-Einsteiger bestens geeignet. Weit weg von Party und Tourismus kann man komplett Abschalten und Relaxen.

Neben der überragenden Windsicherheit bietet das Dorf leckeres Essen zu einem sehr günstigen Preis und freundliche, hilfsbereite Menschen die sich über jeden Gast in ihrer Heimat freuen. Wir können einen Trip nach Icaraizinho nur empfehlen und werden sicher nicht das letzte mal dort gewesen sein.
Icaraizinho