Lago Di Garda
Michael Offermann hat dem altehrwürdigen Spot-Klassiker in Italien einen Besuch abgestattet und jede Menge Spaß gehabt.

7:00 Uhr – mein Wecker klingelt. Verschlafen richte ich mich auf, überlege einen kurzen Moment, wo ich bin und warum ich mich so früh aus dem Bett quälen muss.

Da fällt es mir ein – durch die halb offene Balkontür höre ich die Fahnen unten am Steg flattern und die Dünungswellen gegen die Hafenmauer schlagen.

Im Dunkeln stehe ich auf, stolpere leise fluchend über meine Tasche und öffne die Balkontür, um einen Blick nach draußen zu werfen. Der kalte Nordwind schlägt mir ins Gesicht.

Im Halbdunkel sehe ich erste Schaumkronen auf dem See und vereinzelte Böen, die übers dunkle Wasser fegen. Hätte ich doch gestern Abend nicht jeden Wein, den der Kellner im „Gato Borracho“ in lustiger Runde auf den Tisch gestellt hat, getrunken, dann wäre ich jetzt wahrscheinlich koordinierter unterwegs.

Der Name „Gato Borracho“, übersetzt „Besoffener Kater“, ließ eigentlich schon vermuten, worauf das hinauslaufen würde. Bin ich jemals so früh aufgestanden, um windsurfen zu gehen? Wahrscheinlich nicht, aber was, wenn der Nordwindspuk in 2 Stunden schon wieder vorbei ist?


Lago Di Garda
Lago Di Garda
Lago Di Garda

Die letzten Zweifel an meinem Vorhaben verschwinden, als ich in der Dämmerung an der Kaimauer stehe, aufs Wasser blicke und Schaumkronen bis zum anderen Ufer sehe. Während ich mein Freestyleboard und das 5.0er Segel aus dem Materialkeller hervorhole, gesellen sich weitere Frühaufsteher zu mir. Der kalte Nordwind sorgt dafür, dass die verschlafenen Gesichtsausdrücke schnell einem breiten Grinsen weichen und ein hektisches Treiben am Steg beginnt. Kleine Segel werden aufgeriggt und hastig Bretter ans Ufer geschleppt. Ein ganz optimistischer Mitstreiter zieht sogar ein 62 Liter Magma Waveboard aus dem Boardbag.

Ich frage mich, ob er wirklich mit einem Board, das für die Big Days an Fuerteventuras Northshore geshapet wurde, auf einem Süßwassersee surfen will. Wahrscheinlich wird man ihn gleich mit dem Auto ein paar Kilometer in Lee in Riva abholen müssen, denke ich noch, als er auf sein Brett springt und mit seinem 4,5er auf den See hinausjagt. Der Vento ist tatsächlich stärker, als ich erwartet hatte.

Nachdem ich einen Fuß ins kalte Wasser gesetzt habe, bin ich endgültig wach und pumpe mich vom Steinstrand aus ins Gleiten. Nach einigen Metern bin ich aus der Abdeckung der Steilküste heraus und schieße über den dunklen See. Als die Sonne über den Bergen aufgeht, bietet sich eine der imposantesten Kulissen, die man als Windsurfer erleben kann. Das vom Wasser reflektierte Sonnenlicht bildet einen silbernen Streifen über die gesamte Breite des Sees und zu beiden Ufern erheben sich mächtige Berge.

Um vor einer solch grandiosen Kulisse seine Freestyle-Moves zu zirkeln, lohnt es sich auf jeden Fall früh aufzustehen. Die Gipfel der Zweitausender Brenta im Norden und Monte Baldo auf dem Ostufer sind seit gestern Nacht schneebedeckt, was den starken Nordwind erklärt. Ein atemberaubender Anblick bietet sich mir von der Mitte des Sees, an dessen Ufern sich zu beiden Seiten steile Berge empor recken. Die aufgehende Sonne taucht die Gebirgshänge des Westufers in ein gelbliches Licht, das einen unglaublichen Kontrast zum tiefen Blau des Sees bildet.


Lago Di Garda
Lago Di Garda

Nach etwa einer halben Stunde merke ich, dass ich inzwischen restlos überpowert bin und gehe an Land, um mein Segel zu wechseln. Nach einem hastig hinuntergeschlungenen Croissant und einem Latte Macchiato gehe ich mit 4.0 wieder aufs Wasser und stürze mich in die nächste Freestyle-Session.

Tatsächlich ist der Vento heute so stark, dass er bis etwa zwei Uhr mittags andauert. Dann kommt es zu dem Phänomen, das ich bisher an keinem anderen Ort erlebt habe: Nach einer kurzen Flautenpause setzt der Südwind ein, der hier „Ora“ genannt wird.

Der Lago di Garda oder Lago di Benaco, wie er ursprünglich nach einer alten keltischen Gottheit benannt wurde, ist der größte der oberitalienischen Seen und bietet mit seiner verlässlichen Thermik von Frühjahr bis Herbst perfekte Windsurfbedingungen. Benacus, der ursprüngliche Namensgeber des Sees, wurde in galloromanischer Zeit auch mit Neptun in Verbindung gebracht, und wer außer dem Meeresgott könnte ein solch verlässliches Thermiksystem an diesem Gebirgssee installiert haben?

Die Kombination aus Düseneffekt der Steilufer und den thermischen Winden ist dabei die Grundlage für die vorherrschenden Winde am Gardasee, den Vento oder Pèler und die Ora.

Tagsüber steigt die von der Sonneneinstrahlung aufgeheizte Luft am Nordende des Gardasees nach oben, wodurch ein Sogeffekt entsteht, der Luftmassen aus der Poebene ansaugt. Auf diese Weise entsteht die Ora, der Südwind, der um die Mittagszeit einsetzt und meist bis Sonnenuntergang anhält.

Je nördlicher man sich dabei am See befindet, desto stärker ist die Ora durch den Düseneffekt der Steilufer. Nachts kühlen sich die tagsüber aufgestiegenen Luftmassen wieder ab und lassen in den frühen Morgenstunden den Vento oder Pèler erwachen, den Nordwind, der als Bergwind die Hänge der Alpen hinunterströmt und ebenfalls durch den Düseneffekt im nördlichen Teil des Gardasees beschleunigt wird. Seltener auftretende Winde sind Tramontana, Bali, Ponale, Vént de la Mút, Vént de la Vál, Vinessa, Fassanella, Montes, Ander und Vent de Tép. Wer genaueres zu deren Entstehung wissen will, muss die Locals fragen.


Lago Di Garda
Lago Di Garda

Der Vento schiebt, wenn er stark ist, eine ordentliche Windwelle vor sich her, die man gut als Sprungschanze nutzen kann. Wenn man allerdings richtige Airtime haben will, muss man sich etwas gedulden und die Heckwelle der Ausflugsboote Speedy oder Super Star abpassen. Wenn man hier den steilsten Punkt erwischt, sind sogar Backloops möglich.

Allerdings auch nur, wenn die Boote voll mit Passagieren beladen sind. Mikel Slijk vom Shaka Surfshop hat daraus eine Contestidee entwickelt und mietet einmal pro Jahr eins der Boote für den Shaka Bump and Jump Contest, bei dem sich Dutzende Freestyle-Locals über die Heckwellen in waghalsige Manöver stürzen.

Bei einem so konstanten Windsystem ist es kein Wunder, dass einige der besten italienischen Freestyler vom Gardasee stammen.

Anfangs war ich etwas skeptisch, ob sich die 950 km Anreise und Mautgebühren wirklich lohnen würden, um 5 Tage auf einem See windsurfen zu gehen, doch letztendlich hatte ich jeden Tag perfekten Wind für 5.0 oder kleiner und hatte eine Menge Spaß.

Da lasse ich auch gerne mal ein paar Tage an der Nordsee aus und tausche die im Herbst tristen niederländischen Strände gegen eine atemberaubende Gebirgskulisse.


Lago Di Garda
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