home  :::  travel  :::  Kapstadt Report - Dezember 2008  
Kapstadt Report

Südafrika - eineinhalb Jahre vor der Fußball WM. Trotz der eindrucksvollen Landschaften und den Bedingungen, die die Kapregion für unseren Sport bietet, lassen sich die Augen nicht vor der Situation im Land verschließen.
Die Nachwirkungen der Apartheid sind noch immer präsent, die Kriminalität ist hoch und der Gegensatz von Arm und Reich allgegenwärtig. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man dieses Land besuchen möchte. Die Situation ist aber weit weniger dramatisch, als in den Medien dargestellt wird. Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute.

Kapstadt gilt nach wie vor als das perfekte Winterreiseziel für Windsurfer und nicht zuletzt der günstigen Wechselkurs von 14:1 und die guten Wetterprognosen gaben den Ausschlag für meine kurzfristige Buchung. Zwei Wochen im Dezember raus aus der Kälte - nach 1996 und 2002 meine dritte Reise ans Kap, diesmal auch mit dem festen Vorsatz endlich auf den Tafelberg zu steigen.

Melkbos aus der Luft
Ein Waveboard, ein Wellenreiter, ein Mast, eine Gabel sowie 4,2er und 4,7er Segel waren schnell gepackt und lagen mit 32 Kilo im üppig gepolsterten Doppelboardbag nur knapp überm Limit für Surfgepäck.

Mit einem prüfenden Blick der Dame vom Bodenpersonal auf 18 Kilo geschätzt, war der Check-in samt Surfstuff schnell erledigt. Dafür gab es andere Probleme: Wegen knapper Umstiegszeiten vom Zubringerflug zum Flieger nach Capetown blieb mein Boardbag sowohl beim Hinflug als auch auf dem Rückweg am Airport in München liegen.

Das bedeutete: den ersten Tag auf Leihmaterial die Wellen zu schlitzen... nicht unbedingt eine schlechte Erfahrung - so kommt man in den unfreiwilligen Genuss das Material anderer Marken testen zu können (das hilft bei einer anstehenden Kaufentscheidung tatsächlich besser als jede Testtabelle).

Da das Personal bei meiner Ankunft schon über den Verbleib des Bags in München informiert war, schienen zumindest die Chancen für eine schnelle Nachlieferung nicht schlecht zu stehen. Und tatsächlich, schon einen Tag später kam mein Material unbeschädigt in Kapstadt an. Vom Airport aus ging es mit meinen Kumpels Claudio und Carsten direkt zum Spot. In Melkbos knatterte der Wind wie schon am ersten Tag passend für‘s 4,2er - also nichts wie raus auf‘s Wasser und rein in die 2-Meter-Brecher.

Gegen Nachmittag nimmt der Wind an diesem Spot in der Regel weiter zu - jetzt hieß es ordentlich dichthalten, denn das 3,7er lag ja zu Hause im Keller - tatsächlich eine Fehlentscheidung.

Bernd Flessner war ebenfalls vor Ort und schwärmte von einer schon seit über zwei Wochen anhaltenden Windperiode. Weitere fünf Tage hielt der starke Southeaster an, bevor die langen Arme durch windfreie Wellenreitsessions in der Big Bay oder am 3rd Stone gelockert werden konnten.


Big Bay

Werden die Kollegen mit der dreieckigen Rückenflosse sich für ihre Mitbewohner rächen, die man als erstklassig zubereitetes Fischgericht in Restaurants wie dem ‚Blowfish‘ zu sich nahm?
Beim Wellenreiten vergeht keine Minute, in der die Gedanken nicht an der permanenten Gefahr aus der Tiefe hängen bleiben. Mit Robben Island im Blick und den Bildern aus zahlreichen Dokumentationen über Weiße Haie im Hinterkopf, wirken alle Eindrücke im Line-up vor Kapstadt intensiver als an der heimischen Nordsee.

Meterlange, umhertreibende Stücke von Kelb (Braunalgen), plötzlich auftauchende Seelöwen oder der zufällige Kontakt mit einem Fisch beim Paddeln im Weißwasser pumpen eine Extraportion Adrenalin in den Körper.

Gut, dass das extrem kalte Wasser die Emotionen dämpft und die Qualität der Wellen mehr als entschädigt.

Das Kapstadt sich gerne auch mal windlos zeigt, durften alle erleben, die zur Weihnachtszeit die Reise antraten. Ohne Wind erwärmt sich das Wasser auf 22°C, Wellenreiten oder Stand Up Paddleboarden ist dann auch in der sonst eher kühlen Table Bay in Boardshorts möglich.
Sunset Beach
In diesen Genuss kam ich jedoch nicht, denn auch in der zweiten Woche meiner Reise wehte der Wind an fünf Tagen passend für eine Session am Sunset Beach. Zwar fing der Cape Doctor genannte SO-Wind in diesen Tagen erst nachmittags zu wehen an, dafür aber jedes Mal ausreichend für‘s 4,7er - teilweise gepaart mit 2-Meter-Sets.

Sunset ist kein Spot zum Springen, hier wird gnadenlos ‚Down the Line‘ die Welle geschlitzt.

Zurück zum Geschehen abseits der Spots. Der günstige Randkurs wirkte sich besonders extrem auf die Reisenebenkosten (Party/Shoppen/Essen gehen) aus.

Bokap
„Essen gehen ist günstiger als selber kochen“, war ein beliebter Spruch von Claudio und so landeten wir abends oft in edlen Restaurants, wo leckerste 4-Gänge-Menüs inklusive reichlich gutem Vino mit rund 30 Euro pro Nase zu Buche schlugen. Kulinarisch auf diesem Niveau zu Schlemmern hätte zu Hause das 3-fache gekostet.

Das Five Flies (Keerom Street) und das Aubergine (Barnet Street) sind in diesem Zusammenhang ein heißer Tipp.

Zum Thema Tafelberg: näher als bis zum Carlucci‘s in der Upper Orange Street - einem sehr empfehlenswerten Laden für den Frühstücksausflug mit perfektem Ausblick - bin ich dem Tafelberg auch diesmal nicht gekommen - zu viele Surftage ließen das restliche Urlaubsprogramm einfach zu kurz kommen.

Aber nicht nur das ist ein Grund für die Wiederkehr. Mit der fetten Beute von zehn Windsurf- und vier Wellenreittagen ging es nach zwei Wochen zurück in Richtung Heimat.

Oranjezicht
Kapstadt hat sich als Reiseziel mal wieder von seiner besten Seite gezeigt und es wird diesmal keine weiteren sechs Jahre dauern, bis mein Flieger wieder auf ‚Capetown International‘ zur Landung ansetzt.

Die lockere Schraube auf der Tragfläche des A330 hat Carsten als crasherfahrener Privatpilot beim Aussteigen der Crew mitgeteilt, damit nicht irgendwann noch andere Dinge als Surfbags am Airport liegen bleiben.

Warum Südafrika nach wie vor eines der besten Winterziele für Windsurfer ist, könnt ihr auf diesem Video verfolgen. Summersession zeigt einen der Surftage am Sunset Beach.

Spotguides zur Region rund um Kapstadt findet ihr im Spot-Explorer.com
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