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Plötzlich werde ich aus meinem Schlaf gerüttelt. Regentropfen prasseln wie Kieselsteine auf das Busdach.

Ich merke, wie die Kälte des Windes durch die dünne Blechwand hindurch zieht und sich auf meine Haut überträgt. Durch das Kondenswasser an den Fensterscheiben kann ich nur verschwommen erkennen, was draußen vor sich geht.

Die See scheint ziemlich aufgewühlt zu sein. Ab und zu rollen Wellen heran, doch der Wind bläst deren Kämme in einem großen Bogen immer wieder aufs Meer hinaus. Es wirkt wie ein einziger Kampf der Elemente; ein ungemütlicher Anblick. Ich ziehe mich weiter in meinen Schlafsack zurück.

Es ist Ende Oktober. Vor gut einer Woche brachen Mike, Christian und Ich mit Mikes T4 Richtung Irland auf. Wir entschieden uns gegen die Ryanair-Mietwagen-Jugendherberge-Methode und für ein spärlich eingerichteten T4 als Zuhause. Den pauschal Spot Brandon Bay ließen wir links liegen und fuhren gen Norden, da wir uns dort die besten Chancen auf große Wellen erhofften.

Die letzten Tage hatte Poseidon uns bereits mit Sonnenschein, konstanten Wellen und einer leichten ablandigen Brise verwöhnt. In vollen Zügen genossen wir das sorgenfreie Leben und surften von morgens bis abends die leeren Wellen, Tag ein, Tag aus.
Doch an diesem Morgen ist alles anders. Die Zeichen stehen auf Sturm. Schon seit ein paar Tagen sagen Metereologen ein gewaltiges Sturmtief vorher, das nun endlich angekommen ist.

Bretagne - La Palue

Gut versteckt unter Bergen von Klamotten wage ich mich aus dem Bus heraus. Der halbe Parkplatz steht unter Wasser. Der Wind ist so stark, dass ich Angst habe unser Gefährt könnte jeden Moment umkippen. Über mir fliegt nasser Sand, der von einer Düne hinter dem Parkplatz abgetragen wird.

Die Wellen brechen immer wieder mit einem gewaltigem Donnern auf eine Sandbank. Doch so richtig kann ich mich über das irische Wetter nicht freuen, denn nach surfbaren Bedingugen sieht das ganze nicht aus. Das Frühstücksbrot rutscht nur langsam hinunter und verbessert mein flaues Gefühl im Magen kaum. Sind die Bedingungen, auf die ich so lange gewartet habe nun einfach zu doll?

Mittlerweile ist es fast Mittag und ich starre immernoch auf das Meer hinaus. Immer wieder überlege ich mir, ob es Sinn macht in diesem Hexenkessel rauszugehen oder nicht. Vor ein paar Tagen hatte mich ein Ire noch davor gewarnt bei starkem Regen Surfen zu gehen, denn das in den Flüssen abfließende Wasser soll eine Strömung verursachen, die ein einige Meilen aufs offene Meer hinauszieht.

Der Wind hat nun endlich etwas gedreht, weht jedoch immernoch ziemlich ablandig. Ich geb mir einen Ruck und baue in einer geschützten Gasse mein 3,7er auf; flach getrimmt wie ein Brett.



Den Shorebreak überwunden, mache ich einen langen Schlag nach draußen, um erstmal ein Überblick zu erlangen. Die Strömung reißt an der Finne. Manche Böen sind so stark, dass ich mich ins Wasser legen muss, um sie abzuwettern. Eine Hand voll gute Wellen bekomme ich, die ich jedoch abgesehen von ein paar Kamikaze-Aktionen nicht wirklich nutzen kann.

Nach einer knappen Stunde bin ich total erschöpft und will zurück ans Ufer, was sich jedoch schwieriger herausstellt als geahnt. Zuerst noch total überblasen, verliere ich in der Abdeckung der Dünen jeglichen Druck im Segel. Im Wasser liegend zieht mich die Strömung recht schnell am einzigen komfortablen Ausstieg vorbei. Auch der Versuch, nocheinmal heraus zu kommen und Höhe zugewinnen, schlägt fehlt. Kurze Zeit später befinde ich mich vom Material getrennt mitten in der Impactzone.

Die Wellen prügeln mir die letzte Luft aus der Lunge, mein Puls ist bei gefühlten 200 angelangt. Zum Glück haben Mike und Chrischi aufgepasst und kratzen bereits mein Material von den Steinen. Etwas später schleif auch ich mich halb tot die Felsen hoch.

Bei einer wärmenden Suppe kurze Zeit später im Bus spüre ich die Überdosis Adrenalin noch deutlich im Körper. Und das Gute an so einem Rausch ist: Man will immer mehr!

„Wo gehts jetzt hin?, frag ich in die Runde. Chrischi guckt mich kurz verwundert an und kramt dann einen zerknitterten Zettel aus seiner Hosentasche.

"Das ist ne Wegbeschreibung für ein Secret Spot hier in der Nähe. Hat mir so ein bärtiger Typ gestern im Pub skiziert. Wenn der Wind noch weiter dreht, könnte es da funktionieren.", berichtet er.

Das Wort "skizziert" trifft es ganz gut, denn abgesehen von ein paar Strichen kann man auf dem Papier nicht viel erkennen, doch Chrischi meint, er weiß schon wo es längs geht. Und tatsächlich ordnet er den Strichen auf dem Papier Straßen zu und 30 Minuten später stehen wir am "Secret Spot".

Der Spot scheint wirklich ziemlich secret zu sein, denn weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Noch nicht mal den Spot können wir richtig identifizieren, denn an einer etwa 1 Kilometer langen Steilküste brechen hier und da recht kraftvolle Wellen auf Felsplateaus. Die Farbe der Vegetation errinnert mich an die, der Windvorhersage: rostrot!

Mittlerweile ist es später Nachmittag und ich frage mich wo der angesagte 26 Fuß Swell mit der 21 Sekunden Periode bleibt. Von der Straße aus, die etwa 30 Meter über dem Wasserspiegel liegt, scheinen die Wellen nicht größer als 3 Meter zu sein. Also zurre ich schnell wieder mein 3,7er vom Busdach und pelle mir den vom Vormittag noch nassen Neo über.

Beim ersten Schlag nach draußen realisiere ich, dass die Wellen locker Masthoch sind, dennoch kann man sie relativ entspannt abreiten, da sich in Lee ein Channel befindet. Nach etwa einer halben Stunde zieht am Horizont eine pechschwarze Front auf. Ich merke wie die Sets von Mal zu Mal deutlich an Größe gewinnen. Als sich der Himmel über mir fast komplett verdunkelt hat, bekomme ich langsam Angst.

Die Wellen müssten jetzt deutlich über Masthoch sein und brechen aufgrund des auflaufenden Wassers durch den kompletten Channel. Auch der Wind wird immer böiger. Kurz bevor der Wind komplett runtergeht und es anfängt in Strömen zu regnen bin ich glücklicherweise schon wieder am rettenden Ufer. Beim Gedanken daran, jetzt draußen ohne Wind zwischen den heranrollenden Sets zu liegen, läuft mir ein kalter Schauer den Nacken herunter.

Was für ein Tag, hier an Irlands kalter und einsamer Nordwestküste, denke ich mir noch kurz bevor ich einschlaf und bin froh darüber, dass ich mir vor ein paar Stunden den Ruck gegeben hab und der Tag somit ins Rollen kam.