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Alacati
von Florian Söhnchen

Ich stehe etwas verträumt im Duty Free Shop im Flughafen von Izmir. In ca. 1,5 Stunden geht es in den Jet zurück nach Hannover. Im Kopf schwirren mir Bilder der grandiosen Erlebnisse der letzten 14 Tage herum. Ein paar Meter neben mir steht eine brünette Frau mit übergroßer Sonnenbrille im 'Chiara-Ohoven-Style'... nach ein paar Augenblicken des Zögerns siegt die Neugier und ich frage sie: "Excuse me, I don't want to bother you, but... are you really Liz Hurley?"

Izmir und besonders Alaçati und Çesme in der türkischen Ägäis haben sich in den letzten Jahren zu einer Hochburg des türkischen Tourismus und zum Anziehungspunkt für die türkische Schickeria entwickelt. Daher ist es auch nicht allzu verwunderlich, wenn man dem einen oder anderen Promi über den Weg läuft.

Aber nicht nur in dieser Hinsicht hat Alaçati einiges zu bieten – nebenbei ist die nah am Ort gelegene Bucht ein traumhaft schöner und sehr windsicherer Flachwasser-Surfspot.



In aller Regel kommt der Wind hier aus nördlichen Richtungen und somit sideshore von links. Das Wasser ist bei dieser Windrichtung in der geschützten Bucht selbst bei 6-7 Bft. unheimlich platt, wodurch der Spot für alle Könnensstufen geeignet ist.

Bei seltenerem und vor allem im Winter vorherrschendem Südwind wird eine nette kleine Dünung in die Bucht gedrückt, so dass der Spot schon bei 4 Beaufort deutlich anspruchsvoller wird.

Grundsätzlich sind Wellen in Alaçati aber vor allem in den Sommermonaten eher die Ausnahme. Was dem Waver wohl ziemlich langweilig erscheinen mag, ist aber auf der anderen Seite ein Traum in den Augen von Freeridern, Racern und Freestylern.

Alacati
Anfänger und Aufsteiger genau wie Gelegenheitssurfer werden vor allem von dem riesigen Stehbereich, dem sandigen Boden und den warmen Temperaturen begeistert sein. Surfen in Shorts war in diesem Jahr die einzig sinnvolle Lösung – selbst in den dünnsten Neos war es einfach zu warm und kaum auszuhalten… ein kleiner Traum, könnte man sagen!

Die Windsicherheit, besonders in den Sommermonaten, hat dazu geführt, dass sowohl die European Freestyle Pro Tour als auch der Windsurf Worldcup mit der Disziplin Slalom hier gastieren. Und die Teilnehmer finden für beide Disziplinen nahezu perfekte Bedingungen auf dem Wasser vor. Nicht umsonst sind einige gute Freestyler in Alaçati ansässig geworden – allen voran der von Bonaire stammende Ruben Petrisie, der mit Alaçati eine neue Wahlheimat gefunden hat und täglich in der Bucht seine 360-Grad-Rotationen in allen erdenklichen Ebenen dreht.

Aber auch sonst gibt es an fast jeder der zahlreichen Surfschulen mindestens einen Surflehrer, der selber im Freestyle auf sehr hohem Niveau unterwegs ist, wodurch jeder Hobby-Freestyler ein hervorragendes Trainingsumfeld findet - mit vielen Gelegenheiten, sich etwas abzuschauen oder Tipps abzuholen.

Abgesehen von den Segelfuchtlern gibt es unter den einheimischen Windsurfern eine relativ große Racer-Gemeinde, von denen einige eine erstaunliche Performance zeigen und wirklich sauschnell unterwegs sind. Bestes Beispiel ist wohl Ekin Bilem, der Stationsleiter der Surf&Action-Windsurfstation, der Mitte September gerade türkischer Meister im Slalom (Master) geworden ist und beim PWA Worldcup in Alaçati in diesem Jahr immerhin auf Platz 36 landete.
Alacati
Der typische Tagesablauf in Alaçati ist extrem urlaubsfreundlich. Morgens kann man in aller Ruhe ausschlafen und ein entspanntes und langes Frühstück genießen. Das sehr zuverlässige Windsystem kommt in der Regel erst mittags langsam auf Touren, so dass man sich den Vormittag häufig besser in der horizontaler Lage vertreiben kann, statt krampfhaft zu versuchen, sich mit großen Segeln ins Gleiten zu pumpen.

Hierzu stehen überall am Spot viele Liegen und bei einigen Stationen zudem große Chillout-Ecken mit überdimensional großen Kissen zur Verfügung, von denen aus man das Geschehen auf dem Wasser gute verfolgen kann und den einsetzenden Wind auf keinen Fall verpasst.

Das schöne ist, dass man sich ziemlich sicher sein kann, dass der Wind gegen Mittag wirklich Gas gibt und dann in aller Regel mindestens für Segel um 6,5 qm ausreicht. An guten Tagen kann man nachmittags dann auch mal Segel zwischen 4,2 und 4,7 auspacken – und das immer noch bei sehr flachem Wasser.

Nur für Anfänger empfiehlt es sich wegen des normalerweise über den Tag zunehmenden Winde, einigermaßen früh aufs Brett zu steigen, um perfekte Lernbedingungen vorzufinden. Glücklicherweise gibt es aber in Lee des Yachthafens einen wellengeschützten Bereich, in dem auch nachmittags bei stärker werdendem Wind Anfängerkurse gehalten werden können.

Somit kommt windsurftechnisch sicher jeder auf seine Kosten. Die meisten Windsurfstationen schließen abends gegen 18:00 Uhr. Dann kehrt auf dem Wasser langsam Ruhe ein und oftmals nimmt auch der Wind dann langsam ab. Für Windsurfer mit eigenem Material sind die Abendstunden sicher die schönste Zeit des Tages, wenn man in der fast leeren Bucht den Sonnenuntergang auf dem Wasser genießen kann. Nach einem langen Windsurftag bieten sich in direkter Nähe des Spots ein paar Restaurants an, um mit Meerblick zu essen und den Abend zu genießen.
Alacati
Wer noch etwas mehr Power hat, sollte abends nicht immer im Hotel bleiben, sondern einen Ausflug in den ca. 6 km entfernten Ort Alaçati wagen, um dort eines der vielen Restaurants zu besuchen und vor allem, um die Atmosphäre zu genießen. Der 45-Minuten-Fußmarsch von der Surfbucht kann natürlich gerade im Dunklen recht lang werden.

Doch gleich als wir uns zum ersten Mal auf den Weg nach Alaçati machten, hatten wir ein sehr nettes Erlebnis, als schon nach weniger als 5 Minuten ein älterer Türke mit seinem betagten Jeep anhielt, um uns mitzunehmen. Die Fahrt war ziemlich lustig, obwohl wir kein Wort türkisch und unser Chauffeur weder deutsch noch englisch sprachen. Die Verständigung mit Händen und Füßen hat aber problemlos geklappt, und unser Fahrer nahm wie selbstverständlich einen Umweg in Kauf, um uns mitten ins Zentrum zu fahren.

So einzigartig wie die Freundlichkeit der Einheimischen ist auch die Atmosphäre in Alaçati. Man trifft hier nahezu nur auf türkische Touristen. Westeuropäische Touris sind absolut die Unterzahl, so dass man sich teilweise mit Gesten verständigen muss, um etwas zu Essen zu bekommen. Viele Speisekarten gibt es nur in türkischer Sprache und oft wird selbst in den Restaurants kein Englisch gesprochen. Aber gerade das macht das besondere Flair aus und lässt den Ort sehr türkisch und die Stimmung sehr authentisch wirken.

Alternative Sportmöglichkeiten gibt es in Alaçati nicht ganz so viele wie an anderen Orten. Natürlich kann man an windlosen Tagen Wasserskifahren oder Jetskis leihen. Zum Joggen ist die Gegend nicht so optimal, Tauchen ist in der direkten Umgebung des Surfspots weniger angesagt und Schnorcheln ist aufgrund des Sandbodens in der Bucht relativ unspektakulär.

Wenn man die Unterwasserwelt kennen lernen möchte, sollte man eher an andere Strände ausweichen, die am besten per Roller, teilweise aber auch zu Fuß erreichbar sind. An den besseren Schnorchelspots findet man Seeigel in ungeahnten Mengen, einige Plattfische und mit etwas Glück auch mal den einen oder anderen Octopus. Auf der Mittelmeerseite sind zudem ein paar Wracks für Taucher zugänglich, allerdings muss man für solch einen Ausflug in der Regel einen ganzen Tag einplanen.

Ein weniger sportliches aber absolut empfehlenswertes Highlight bei Flaute, die zwar selten aber eben doch ab und zu mal vorkommt, ist eine Erkundungstour mit einem Motorroller. Die kleinen Knatterkisten kann man ab ca. 15 €/ Tag mieten, um auf den meist recht ordentlichen Straßen die Gegend zu erforschen. Lohnend ist der Ort Çesme mit seiner langen und wunderschönen Uferpromenade, einem kleinen Hafen und den vielen Klamottenläden, in denen man jede Art von „Markenware“ zu extrem günstigen Preisen erhalten kann.

Alacati
Besonders schön sind auch die Strände westlich von Çesme, zu denen man in etwa 30 Minuten gelangt. Hier ist auch das Wasser noch mal wärmer als am Windsurfspot und lädt zum stundenlangen Baden ein.

Auf keinen Fall verpassen sollte man zudem samstags den Markt in Alaçati. Neben einer Menge Nippes und billigen Klamotten findet man hier vor allem endlos viel Obst und Hülsenfrüchte. Alleine der Geruch ist ein Erlebnis, aber der Genuss von Melonen, Weintrauben und ganz besonders Pfirsichen ist einfach unglaublich. Das Obst ist in der Regel unbehandelt und sieht daher nicht immer aus wie aus dem Ei gepellt, aber der Geschmack ist beeindruckend… davon kann man in Deutschland wirklich nur träumen.

Ebenfalls empfehlenswert sind die Nüsse, die es in allen möglichen Varianten und Mischungen gibt und die zudem ziemlich günstig sind. Wenn man den Markt am späten Nachmittag besucht, kann man den Tag am besten gleich wieder entspannt in einem der vielen kleinen Bars, Teeläden oder Restaurants ausklingen lassen. Und wer noch ausreichend Energie hat, findet in unmittelbarer Nähe des Surfspots einen großen und sehr bekannten Tanzschuppen („Babylon“), in dem man die Nacht zum Tag werden lassen kann – manchmal finden hier auch Konzerte statt.

Aber zurück zum Windsurfen.. wie es halt so ist, wenn man an einen guten Windsurfspot fährt, war in diesem September alles ein bisschen anders als es normalerweise sein sollte. In den ersten sechs Tagen hat es ausnahmslos gehämmert – und zwar schon morgens beim Frühstück, teilweise mit knapp 40 Knoten Wind. Jeden Tag richtig Schubrakete Druck aus NNO.

Nachmittags wurde der Wind dann immer etwas schwächer, so dass man entspannt mit dem 4,7er durch die Gegend wirbeln konnte, ein absoluter Traum!

An den folgenden zwei Tagen gab es eine Entspannungspause, die unseren offenen Fingern und den müden Muskeln sehr gut getan hat. In der zweiten Woche hatten wir dann noch ein paar Mal abends etwas Wind für Segel um 6 qm, sowie einen Tag mit für die Jahreszeit sehr ungewöhnlichem Südwind. Also alles nicht ganz so, wie es die Windstatistiken erwarten ließen, aber mit 9 von 14 Tagen hatten wir eine sehr ordentliche Ausbeute.

Durch die Labor-ähnlichen Bedingungen wird man fast schon zwangsläufig besser, so dass meine Freundin in nur zwei Tagen die Powerhalse gelernt hat.
Alacati

Insgesamt ist Alaçati mit Sicherheit eine Windsurfreise wert. Die Flugzeit ist mit ca. 3 Stunden angenehm kurz, das Preisniveau ist etwas niedriger als in Deutschland, das Land ist von der Infrastruktur her sehr weit entwickelt, viel weiter als es mir bewusst war, und steht vielen westeuropäischen Ländern kaum nach.

Zudem sind die Einheimischen selbst auf dem Markt nie aufdringlich (im Gegensatz zum ägyptischen Basar), sondern ganz im Gegenteil äußerst freundlich und hilfsbereit.

Die Temperaturen sind im Spätsommer immer noch ein Hammer und die Windsurfbedingungen können nur eingefleischte Waverider enttäuschen. Somit wird eine Reise nach Alaçati sicher ein besonderes Erlebnis.


Ach ja... die Dame in dem Duty Free Shop war übrigens tatsächlich Liz Hurley.
Alacati
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fotos: Valerie Luther | text: Flo Söhnchen | © 2007 DAILY DOSE