Yoga - Ein Interview mit Gunnar Klaeschen

Der Begriff Yoga löst bei vielen einen spontanen Fluchtreflex aus. Hartnäckig hält sich das Vorurteil, dass es etwas für körnermümmelnde Esoteriker ist, aber ganz bestimmt nichts für bodenständige Pragmatiker. Gunnar Klaeschen ist Windsurfer und lernte Surfprofis kennen, die durch Yoga ihr Können verbesserten. Das machte ihn neugierig. Heute ist er Yoga-Lehrer und erzählt im Interview, worum es eigentlich geht.
Wie und wann kamst Du zum Surfen und Windsurfen?
Bereits 1978 fing mein Vater mit Windsurfen an und so dann auch ich. Damals habe ich noch nicht mal selbst das Segel aus dem Wasser bekommen, weil ich erst 11 war und Riggs so schwer waren. Ich habe dann in Kiel studiert, unter anderem weil das die beste Stadt für Windsurfer ist und habe dann später zwei Jahre auf Lanzarote gewohnt, wo Wellenreiten dazu kam. Heute surfe ich an Nord- und Ostsee und ich versuche, im Winter oft in Kapstadt zu sein, sofern es meine Zeit erlaubt.

Wann und wieso kam Yoga dazu? Was hat Dich an Yoga fasziniert?
Ich hörte und las immer häufiger, dass Windsurfer und Wellenreiter auf Hawaii ihr Surfen durch Yoga verbessern. Das machte mich neugierig. Als Mann und Surfer ist man zum Beispiel meist in den hinteren Oberschenkeln ziemlich verkürzt, dies kombiniert mit Bürojob ist nachhaltig nicht gut. Ich habe 2004 für Rip Curl gearbeitet und hatte da häufiger mit internationalen Teamfahrern zu tun, die auch häufig Yoga machten. Also habe ich mir in Kiel ein Yoga Studio gesucht und habe es ausprobiert. Damals gab es noch kaum etwas, heute gibt es eine recht große Bandbreite, da ist es schon fast schwierig, rauszufinden, was für einen das Richtige ist. Nach den ersten Stunden merkt man erst, was körperlich noch alles zu tun ist, wie eingeschränkt man bereits ist und wie nötig es war, den Schritt getan zu haben.

Hinzu kommt, dass man in Phasen mit viel Arbeit durch Yoga den Kopf frei bekommt und zum Beispiel besser schlafen kann. Also ein ähnliches Gefühl, wie man es nach der Surf Session hat. Es faszinieren mich also drei Dinge: Erstens bereite ich mich körperlich viel besser auf die Surfsaison / den Surfurlaub vor oder halte meinen Level, zweitens gleiche ich körperliche Defizite der modernen Schreibtischarbeit aus und drittens bin ich viel entspannter auch in anstrengenden Situationen.

Als wir im Februar nach Kapstadt kamen, da konnte ich locker zwei Stunden in anspruchsvollen Bedingungen aufs Wasser, ohne nennenswerten Muskelkater. Die vorhandene Körperspannung hilft natürlich auch, Verletzungen vorzubeugen. Klingt alles so ein bisschen nach der eierlegenden Wollmilchsau, ist es aber auch irgendwie.

Sportler aus vielen Sportarten greifen mittlerweile auf Yoga zurück. Mit einer Kollegin denken wir zum Beispiel gerade bei ahoiYoga in Hamburg einen Workshop mit einer Hamburger Rugby Mannschaft an.

Yoga - Ein Interview mit Gunnar Klaeschen

Bei Yoga denken sicher viele an seltsame Posen und Ommmm-Geräusche. Ist das so? - Was ist der Sinn von Yoga? Worum geht es?
Einige Lehrer bauen in ihre Stunden Oms oder Mantras ein. Für den Einstieg halte ich das nicht für sinnvoll, weil man ohne den Hintergrund wenig damit anfangen kann. Es wirkt auch eher abschreckend. Einfacher gesagt, geht es zunächst darum, erst mal wieder Gefühl für den eigenen Körper zu bekommen. Im Hamsterrad des Alltags sind wir so beschäftigt mit allem um uns herum, dass wir Probleme und Mätzchen in unserem Körper erst recht spät wahrnehmen.

Wir gehen also während der Session in ein paar Haltungen (Asanas), die bestimmte Muskeln oder Gelenke spüren lassen, wie zum Beispiel verkürzte Oberschenkel, schwache Schultern oder am schlimmsten, zu schwache Rumpfmuskulatur (Core).

Um das Ganze nicht zu langweilig werden zu lassen, kann man zwischen diesen Haltungen fließende Übergänge einbauen, damit es auch schön warm wird.

Ich habe es früher verglichen mit Zirkeltraining in Zeitlupe, passt aber nicht ganz. Gerade die Stärkung der Core Muskulatur stützt die Wirbelsäule, schützt die Bandscheiben und schützt so vor Rückenschmerzen. Ich habe einige Windsurfer im Freundeskreis mit Bandscheibenproblemen. Deren Übungen sind oft abgeleitet aus Yoga oder Pilates.

Wichtig beim Yoga ist auch die Kombination von Bewegung und Atmung. Die Atmung hilft zu spüren, wenn wir uns zu stark belasten. Wenn man anfängt, den Atem anzuhalten oder zu hecheln, dann ist man zu weit gegangen und sollte wieder etwas zurückgehen. Es funktioniert wie ein Pulsmesser beim Laufen.

Zur Sprache: Die Yoga Philosophie kommt nun mal aus Indien und daher tauchen ganz viele Begriffe im Sanskrit auf. Dies kann man erstmal so wahrnehmen ohne es zu bewerten, denn es ist für Einsteiger zunächst nicht relevant.
Yoga - Ein Interview mit Gunnar Klaeschen


Welche Einstellung sollte man zum Yoga mitbringen?
Sei einfach offen für das was kommt und bleib auf Deiner Matte. Also vergleiche Dich nicht mit anderen im Raum. Jeder Körper ist anders und jeder arbeitet an seinen Grenzen und die können ganz unterschiedlich sein. Es wird für viele interessant sein, den Ehrgeiz im Zaum zu halten. Man ärgert sich anfangs, wenn man aus einer Balanceübung fällt, die doch gar nicht so schwer aussieht. Sich dann nicht zu ärgern sondern zu lächeln und es noch mal zu probieren ist untypisch für unseren Alltag und im Berufsleben. Man lernt, sein Ego zu kontrollieren.

Es gibt verschiedenste Yoga Ausrichtung, richtig? Welche hältst Du für pragmatische, unesoterische aber bewusst im Leben stehende Menschen für sinnvoll?
Es muß jeder seinen Stil finden und es gibt kein richtig oder falsch aber es gibt "sicher" oder "weniger sicher" im Hinblick auf potenzielle Verletzungen durch Yoga. Die meisten Richtungen beruhen auf Hatha Yoga. Ich persönlich habe mit Ashtanga angefangen, da sind feste Abfolgen vorgesehen, was hilft, eine gewisse Routine aufzubauen. Ich unterrichte "Vinyasa Flow" (ähnlich Poweryoga), was ich als eine Mischung aus Ashtanga und Iyengar Yoga definiere.

Ich möchte also einen anstrengenden und fordernden, fließenden Stil unterrichten, gehe aber bei einzelnen Haltungen in die Tiefe. Der Grund ist, dass man sich im Yoga auch durchaus verletzen kann, wenn man nicht auf den Körper hört, womit wir wieder beim Ego wären. Mir persönlich ist es sehr wichtig, dass sich meine Yogis keine Schäden zuziehen. Um den Spass an der Sache zu fördern, gestalte ich meine Yoga Stunden mit moderner Musik. Andere Lehrer mögen dies weniger weil sie glauben, dass die Musik von dem Fokus auf den Körper ablenkt. Das ist ein legitimer Einwand, aber aus meiner Sicht macht es so mehr Spaß.

Wie läuft denn eine Yoga Session ab und welche beispielhaften Übungen gibt es?
Ich starte meine Stunden mit einer kurzen Ruhephase, damit man erstmal die Chance hat, nach hektischer Parkplatzsuche oder ähnlichem im Raum anzukommen und runterzufahren. Dann starten wir mit langsamen, fließenden Twists, die man im übrigen auch gut am Strand machen kann, um sich auf die Surf Session vorzubereiten. Im Mittelteil wird es dann etwas fordernder, mit je nach Stunde unterschiedlichem Fokus zum Beispiel Bauch, Schultern, Rücken oder Hüften. Es gibt hier viele Parallelen zum Wellenreiten, Planke (Liegestütz) und High Lunch ist sehr ähnlich zur Aufstehbewegung auf dem Wellenreiter. Der Krieger (1. Bild ganz oben) ist sehr ähnlich zur Haltung wie man auf dem Board steht. Allein diese drei Übungen können Dein Aufstehen beim Wellenreiten ziemlich erleichtern.

Ist Yoga körperlich anstrengend?
Das hängt vom Stil ab, der unterrichtet wird und vom jeweiligen Lehrer. Der Yoga Stil, den ich unterrichte, wird für die meisten deutlich anstrengender sein, als sie sich vorstellen. Wenn es aber zu viel wird, steigt man einfach aus und macht kurz Pause. Es können also Einsteiger und Fortgeschrittene in der selben Klasse teilnehmen. Jeder definiert, wie weit er/sie gehen will.

Was ist der körperliche Nutzen aus Yoga? Kann man da etwas sehen? Oder ist das alles nur Kopfsache?
Wer über einen Zeitraum von drei Monaten ein bis zwei Mal pro Woche Yoga macht, wird enorme Fortschritte erleben. Man gewinnt Flexibilität zurück, wird deutlich kräftiger. Dass der Kopf dabei ruhiger wird, ist angenehmer Nebeneffekt.


Am 30.3. veranstaltet Gunnar einen Workshop in Kiel und am 12.4. in Hamburg. Seine Website findet ihr hier: www.yoga4surfers.de

 

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