Starboard - Ökologische Produktion
Abheben, schweben, stürzen. Wiederholen.

Die dritte Dimension

Nachdem Philipp Kümpel an der Costa Brava die PWA Profis beim Foilsurfen beobachtet hat, beschließt er den Ritt auf den Flügel im Selbstversuch zu lernen.

Ich stehe an der Costa Brava am Strand und schaue den PWA Fahrern zu. Der Wind ist schwach, zu schwach für ein normales Slalomrennen, aber trotzdem haben sich die Fahrer am Startboot versammelt und gehen in die Sequenz für ein Rennen. Kurz vor dem eigentlichen Startsignal erheben sich alle Boards etwa einen Meter aus dem Wasser. Ein seltsamer Anblick. Aber auch das Ohr vernimmt seltsames, nämlich nichts, absolute Ruhe. Kein Rauschen, kein Schlagen der Boards gegen die Wellen, nichts.

Wieder daheim an meinem Heimatsee beschließe ich den Selbstversuch. Kann man einfach so foilen lernen? Nach einiger Recherche finde ich einen Flügel, der mir passend erscheint. Als ich das Foil auspacke bekomme ich einen Schreck: Man ist das Ding lang! Das "Ding" nennt sich nicht Finne, sondern Mast. Er misst fast einen Meter. Dazu kommen zwei Flügel. Einmal der große Front Wing und der kleinere Back Wing. Diese beiden Flügel sind an der „Fuselage“, der Querstrebebefestigt.

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Die DImension des Flügels wird erst im Vergleich mit dem 139 Liter Board klar.

Bleibt die Frage, welches Brett ich nutzen soll? Ich möchte zunächst kein separates Foilboard erwerben. Ich weiß ja nicht ob mir diese Windsurfvariante Spass macht, oder ob ich mir gleich das Genick brechen werde und dann die Erben sich dann um das Board streiten werden. Gesucht wird also ein Board mit mindestens 80cm Breite. Die Breite des Boards soll den Flug stabilisieren und ermöglicht ein frühes Angleiten und Abheben. Formulaboards sind daher auch gut geeignet. Das einzige Risiko ist der Finnenkasten, denn hier wirken starke Kräfte. Weniger seitlich, als vielmehr nach vorne und oben. Bei Antoine Albeau brach schon einmal das Foil durch das Board, es war allerdings ein Prototyp.

Ich gehe das Risko ein und nehme mein großes Slalomboard. In den nächsten Jahren werden die Hersteller die meisten Finnenkästen wohl so verstärken, dass mindestens die großen Slalomboards für Foils zugelassen sein werden. Ich schraube den Flügel in mein 138 Liter Board und bekomme richtig Angst. Was wird passieren? Wird das Board zerbrechen, werde ich mir die Füße oder die Rippen brechen? Um wenigstens meine Boardnase zu schützen, befestige ich meine Prallschutzweste mit Klebeband am Bug. Sieht nicht schön aus, aber ich kann am Anfang nur dazu raten. Man wird stürzen, viel stürzen…

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Hier hat's geklappt: Es schwebt

Dann geht es zum Strand. Dort werde ich sofort von den Surfkollegen umringt. Jeder will mal diesen UFO anfassen und jeder hat natürlich tolle Tips, wie man es richtig angeht. Ich ignoriere alle Stimmen und gehe ins Wasser. Der Marsch ist übrigens viel weiter als gedacht, damit der Flügel den Grund nicht berührt. An Wasserstart oder Beachstart ist nicht zu denken. Gerade ein Wasserstart kann sehr schnell mit Schmerzen enden, da man mit seinen Füßen leicht in die Flügel treten kann. Der Schotstart ist das Mittel der Wahl und ich werde dieses Mittel noch oft nützen müssen…

Die erste Überraschung: Das Board verhält sich komplett wie gewohnt. Ich hebe nicht ab, es passiert nichts. Als Segel habe ich Siebener gewählt, es bläst mit 9 bis 13 Knoten. Ich entscheide mich zunächst aus Vorsicht, nicht in die Fußschlaufen zu. Dann kommt eine Böe und ich fange an wie gewohnt zu gleiten. Das Board wird schneller. Ich lehne mich etwas nach hinten und dann – unglaublich – das Board hebt sich ganz ruhig und sachte aus dem Wasser. Es ist komplett irre, plötzlich wird alles ganz leise, das vertraute Gurgeln und Rauschen ist weg. Stille. Doch die währt nicht lange. Das Brett hebt sich immer weiter und weiter. Mir wird Angst und Bange. Dann schmiert das Brett abrubt weg und ich stürzte ins Wasser.

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Vorsicht ist beim Wasserstart geboten. Der scharfe Flügel ist den Füßen im Weg.

Mein Puls rast. Das war heftig. Wie soll man das bitte lernen??? Ich erinnre mich an ein paar gute Tips die ich bekommen habe. Also erneuter Startversuch. Diesmal mutig mit den Füßen in den Schlaufen. Das Brett hebt sich wieder und siehe da, ich merke man muß viel mehr mit dem vorderen Fuß agieren, nicht wie beim Surfen über den hinteren. Diesmal schaffe ich 30 Meter bis zum nächsten Crash. Es ist wie ein Ritt auf einem wilden Pferd.

Nun beginne ich zu üben. Ich versuche immer kleine Hüpfer zu machen. Das Board hoch zu bringen ist einfach, doch sanft zu landen viel schwieriger. So sause ich über den See, immer etwas hoch und wieder runter. Das gelingt immer besser, aber trotzdem stürze ich noch oft. Doch mit der Zeit werden die Flüge länger und ich bekomme ein Gefühl für diese dritte Dimension. Also nicht mehr nur Kantensteuerung rechts oder links, nein es gibt jetzt auch noch hoch und runter. Es ist sehr komplex und sieht auf Bildern einfacher aus als es ist.

Es stellt sich jetzt ein gewisser Suchtfaktor ein. Diese Leichtigkeit bei so wenig Wind ist schon faszinierend und macht richtig Spaß. Wenn der Wind jedoch auffrischt greife ich wieder zu meiner normalen Finne und bin froh nur Zweidimensional zu surfen…

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Nach dem Strömungsabriss geht's abwärts